Hochstapeln

Bei Hochstaplern denkt man in der Regel an Heiratsschwindler und professionelle Betrüger. Doch Hochstapeln ist in unserem Alltag kein Ausnahmephänomen. Tagtäglich stapeln wir hoch: Wir verschweigen etwas oder fügen der Wahrheit etwas hinzu. Wir wollen mehr sein als wir sind. Wir wollen unsere Mitmenschen übertrumpfen. Nicht anders ergeht es den sechs Figuren in diesem Stück. Wir lernen sie zu einem Zeitpunkt ihres Lebens kennen, an dem alles möglich zu sein scheint. Soeben haben sie ihr Abitur bestanden und die Welt steht ihnen offen. Nach zehn Jahren führt sie ein Klassentreffen wieder zusammen. Weitere werden folgen. Was sie jedoch zu jedem dieser Treffen treibt, ist weniger die gemeinsame Vergangenheit als die Gelegenheit sich im Spiegel des Gegenübers des eigenen gesellschaftlichen Standes zu versichern. Bin ich erfolgreicher als die anderen? Habe ich klügere Kinder? Bin ich ein besserer Mensch? Eine wiederkehrende Bestandsaufnahme, in der jeder damit beschäftigt ist, das eigene Leben als das absolute Glück zu behaupten ungeachtet aller offensichtlichen Nöte. Hinter dieser Fassade jedoch beginnt für jede Figur eine Konfrontation mit dem Moment der Wahrheit, ein Ringen um ihr Selbstbild.

Maike behauptet eine Liebe zu Jörg, die sie nicht empfindet – neun Jahre Beziehung, um nicht alleine zu sein. Johannes lebt Stärke wo eigentlich Schwäche ist, um einem vererbten Ideal von Männlichkeit gerecht zu werden. Arndt arbeitet Tag und Nacht daran sein Vermögen zu vergrößern und merkt zu spät, dass all seine Besitztümer schon lange ihre Bedeutung verloren haben. Und Michael, ein Pfarrer, behauptet weiter den Sinn in allem, was ihm widerfährt – obgleich ihn der Zweifel an seinem Glauben verbittern lässt. Sabine kann sich nicht eingestehen, dass die Fassade der familiären Harmonie bröckelt und verschweigt ihrem Mann seine tödliche Krankheit. Und Reinhard, ein erfolgreicher Politiker, muss sich öffentlich eingestehen, dass er auf die Fragen der Zukunft einfach keine Antworten mehr hat.

Die Sehnsucht nach dem Mehr und die Angst nicht zu genügen eint diese Figuren. Das Gefühl des inneren Mangels lässt sie sich und ihre Umwelt täuschen und den Bezug zur Wirklichkeit mehr und mehr verlieren. In einer Gesellschaft der immer absurderen Superlative ist das Hochstapeln weniger Betrug als Überlebensstrategie – bis die Blase zerplatzt und die Realität einen Moment der Wahrhaftigkeit einfordert.
Uraufführung: 2. Dezember 2010, Theater Unten
Dauer: 2 Stunden und 15 Minuten, keine Pause

Besetzung

Regie
Bühne
Kostüme
Video
Matthias Lippert
Licht
Alexandr Gershman
Dramaturgie

Pressestimmen

03.12.2010
Deutschlandfunk, Christiane Enkeler
Klassentreffen passt am besten
Krunoslav Šebrek, Matthias Eberle, Barbara Hirt (liegend)
Matthias Eberle, Krunoslav Šebrek
Friederike Becht, Daniel Stock
Dimitrij Schaad, Krunoslav Šebrek
Krunoslav Šebrek, Friederike Becht, Barbara Hirt
Friederike Becht, Krunoslav Šebrek, Barbara Hirt, Matthias Eberle, Daniel Stock, im
Vordergrund: Dimitij Schaad
Ensemble
Barbara Hirt, Matthias Eberle, Friederike Becht, Daniel Stock, Krunoslav Šebrek
Ensemble
Dimitij Schaad, sitzend: Matthias Eberle, Krunoslav Šebrek, Barbara Hirt, Friederike
Becht
Daniel Stock, Friederike Becht, Matthias Eberle, Dimitij Schaad
Dimitij Schaad, Barbara Hirt, Daniel Stock, Matthias Eberle, im Video: Daniel Stock