Das Detroit-Projekt

Some at times cast light

Installation/Intervention von Kristina Buch (D)
(English version below)

Kristina Buchs Kunst ist still und kann doch weitreichende Folgen haben. Ihre Kunst ist zuweilen dem Theater ähnlich, ephemer – flüchtig, vergänglich und oft nur begrenzt festhaltbar. Dabei betreibt sie mitunter einen großen persönlichen Aufwand um ein Werk zu schaffen, selbst wenn dieses absehbar von nur kurzer Dauer ist, oder sich noch im Prozess der Arbeit selbst auflöst.
 
Für ihre Arbeit auf der documenta(13) The Lover (2012) hat sie beispielsweise einen Schmetterlingsgarten angelegt, in dem sie täglich von ihr gezüchtete Falter ausgesetzt hat. Doch so sehr die künstlich geschaffene Gartenumgebung einen optimalen Lebensraum für ihre 40 verschiedenen Schmetterlingsarten darstellte, so wenig lange ließen sich die Falter auf dieser begrenzten Fläche halten. Eine lang andauernde Lebensgeste des sich Hingebens zu etwas scheinbar Vergeblichem entstand. Für later, Goliath. And then started humming (2013) hat sie zwei Gemälde mit abstrakt-expressionistischen Bildformeln hergestellt. Diese beziehen sich auf bereits bestehende Werke anderer Künstler und unterscheiden sich dennoch grundlegend: Sie sind aus Zucker gemacht. So will Kristina Buch ihre Arbeit auch als Aufforderung verstanden wissen und wünscht sich, dass an den Bildern geleckt wird, bis sie verschwunden sind. Und doch könnten sie mit den Originalen, die sie zitieren und in deren institutionellen Umgebung sie auftauchen, verwechselt werden.
 
Buchs Arbeiten changieren zwischen verschiedenen Genres und Gedankenfeldern und sind dabei immer höchst präzise und offen zugleich. Mitunter wird der Betrachter selbst zum Darsteller oder erschafft erst die von ihr arrangierte Natur das eigentliche Kunstwerk. 
 
Für das DETROIT-PROJEKT hat Kristina Buch eine neue Arbeit entwickelt, die der Stadt Bochum dauerhaft erhalten bleiben wird. In Some at times cast light hat Buch einen städtischen Ort, nahe eines Parks, offiziell und in allen städtischen Verzeichnissen, nach einer fiktiven Frau, Grete-Penelope Mars, benannt, deren Büste an eben diesem Platz, dauerhaft stehen wird. Der Name der Frau ist auf einem Straßenschild vermerkt sowie in allen offiziellen Stadtkarten. Im angrenzenden Grünbereich wurden Leuchtkäfer angesiedelt, die jedes Jahr im Juni/Juli des Nachts als Teil der Arbeit sichtbar werden.
 
Der Titel, der durch das vieldeutige Wort ‘cast’ im Englischen ganz viele Fluchtlinien eines Zugangs zur Arbeit eröffnet, kann im Deutschen nur durch Zuhilfenahme mehrerer Worte erfasst werden und hieße dann: ‘Manche werfen/gießen/betonieren/verteilen manchmal Licht’. Eine Büste, die in ihrer realen und uns vertrauten Materialität und Form, Authorität und ein Vertrauen in eine historische Realität vermittelt, steht hier mitten im Raum und ist all dies gar nicht. Zum einen kann dies als ein unmonumentales Mahnmal zum stetigen Hinterfragen der auch noch so solide und ‘wahr’ scheinenden Fakten gesehen werden, zum anderen als Aufruf zum Formen und Setzen von Realität. Es steht hier die Büste einer Frau, und zwar einer Frau, die nie existierte, die vielleicht auch noch nicht existiert. Einer Frau, die in der historisch stark patriarchialisch geprägten Gesellschaft noch nicht so zum Vorschein treten konnte, wie es in ihr Wesen geschrieben ist. Und abseits, fliegen des Nachts die Leuchtkäfer und werfen hin und wieder etwas Licht. Was wissen wir schon über das Leuchten der Käfer, zu denen auch wir zählen? Was beleuchten wir schon, was gelingt es uns zu beleuchten und aus welchen Gründen betreiben wir den Aufwand? Wie verschwindend, aber vielleicht auch gerade deswegen schön, ist unsere stetige Mühe? Und so steht hier eine manifeste Lüge oder mögen wir es eine manifeste Hoffnung nennen -- mitten im Raum -- und schaut uns direkt an.
 
Some at times cast light (dt. Manche werfen/gießen/betonieren/verteilen manchmal Licht), 2014-15, Kristina Buch 
Ort: Friederikastraße / Ecke Erlenstraße. Bochum Ehrenfeld.
In Auftrag gegeben und produziert von Schauspielhaus Bochum and Urbane Künste Ruhr als Teil des DETROIT-PROJEKTS.
 
Schauspielhaus Bochum und Urbane Künste Ruhr danken dem Stadtbezirk Bochum Südwest sowie dem Team von Click&Green für die Unterstützung bei der Realisierung des Projekts.
 
Kristina Buch, *1983 in Düsseldorf, war die jüngste Teilnehmerin der dOCUMENTA (13) und hat ihre Arbeiten u. a. im Kölnischen Kunstverein (2014), Emily Harvey Foundation New York (2013) und Manifesta9 Parallel Events (2012) gezeigt. Ihr einzigartiger Werdegang – sie studierte zunächst Biologie, dann evangelische Theologie und schließlich Kunst am Royal College of Art in London und bei Rosemarie Trockel in Düsseldorf – bestimmt ihre Arbeit, die sich konzeptuell humorvoll poetisch oft zwischen verschiedensten Themen und Genres bewegt. „Some at times cast light“ ist die erste dauerhaft installierte Arbeit der Künstlerin und gestaltet einen Teil der Nachfolge ihrer dOCUMENTA (13)-Arbeit „The Lover“. 2012 wurde ihr der Trieste Young European Artist Award verliehen, 2015 erhielt sie das bedeutende Bremerhaven Stipendium. Sie unterrichtete bis 2012 am Imperial College London und erhielt 2013 eine Assistenzprofessur an der Goethe Universität in Frankfurt a. M. Sie arbeitet als Gastdozentin an der HGK Basel.
ENGLISH VERSION

SOME AT TIMES CAST LIGHT

Installation and Intervention

Kristina Buch's art is quiet but can have far-reaching consequences. At times her work resembles theatre: it is ephemeral and often difficult to capture. It alternates between different genres and fields of thought, always highly precise and at the same time open-ended. At times the viewer himself becomes part of the work. Occasionally she goes to great lengths to create a piece of work, even though it is foreseeable that it will be of short duration or that it may disintegrate in the process of its making and being in the world.
For her work The Lover (2012) at dOCUMTENTA(13)  she created a butterfly garden where, day after day, she released homebred indigenous butterflies that were free to stay or spread through the parks of the city. What quietly emerged was a long life-gesture of devotion to something that was seemingly in vain. For later, Goliath. And then started humming (2013) she created two paintings that refer to two existing abstract expressionist paintings, yet are completely different: they are made entirely of sugar and the label next to the work reveals an invitation ‘Can be licked until gone’. The candy paintings appear unannounced in different public collections of modern art until, one day, they will have been licked away.

For DETROIT-PROJEKT Kristina Buch has created a new work that is to remain in Bochum permanently. In Some at times cast light Buch named a municipal site close to a park, through an official council decision after a fictitious woman, Grete-Penelope-Mars, whose bust was installed permanently on the site and whose name is recorded on a streetsign and all official maps of the city. The adjoining park was populated with fireflies, which appear every year during the nights of late June/July.
A bronze bust, conveying in its real and familiar materiality and form, authority and trust in a historic reality, is placed in this space and is anything but all this. On the one hand it can be seen as an unmonumental memorial to constantly question facts that appear to be ever so solid and true, on the other hand as an appeal to shape and deliberately position reality. We see the bust of a woman who never existed and who may not exist now. A woman who in the history of a strongly patriarchal society could not yet emerge in a way that would do justice to what is written into her being. And at night we may see fireflies, of which we are perhaps just a different version. What do we cast light on, what do we succeed to cast light on, for what reasons do we make this constant effort and how vanishingly small and perhaps therefore beautiful is that constant effort? And all along, stands a solid and manifest lie, or we might call it a manifest hope – in that space – and looks straight at us. 
 
Some at times cast light (dt. Manche werfen/gießen/betonieren/verteilen manchmal Licht), 2014-15, Kristina Buch 
Location: Friederikastraße / corner of Erlenstraße. Bochum Ehrenfeld.

Commissioned and produced by Schauspielhaus Bochum and Urbane Künste Ruhr as part of "THE DETROIT-PROJEKT".

Kristina Buch, *1983 in Düsseldorf, was youngest participant at dOCUMENTA (13) and has exhibited among others at Kölnischer Kunstverein (2014), Emily Harvey Foundation New York (2013) and Manifesta9 Parallel Events (2012). Her unique background - she studied biology and protestant theology before studying art at the Royal College of Art and with Rosemarie Trockel in Düsseldorf - influences her work, which is often highly conceptual, humorous and poetic, moving between different genres. 'Some at times cast light' is Buch's first permanent public installation and is part of the succession of works following her dOCUMENTA 13 work 'The Lover'. She was awarded the Trieste Young European Artist Award in 2012. In 2015 she received the Bremerhaven Stipendium. She taught at Imperial College London until 2012. In 2013 she received an assistant professorship at Goethe University in Frankfurt a.M.. She teaches as a visiting lecturer at HGK Basel.
Ein Projekt mit
Gefördert durch die
Das internationale Stadt- und Kunstfestival in Bochum stellt Fragen und sucht nach Antworten zur Zukunft der Stadt, der Arbeit und der Kunst in Europa. Von Oktober 2013 bis Oktober 2014.