Wir und die?
Vom Blick auf die anderen

Eine Themenwoche zur Frage, wer wir sind, was uns verbindet und was uns trennt vom 3. bis 6. Juni 2017

Die Politik der einfachen Lösungen, die aktuell weltweit an Zuspruch gewinnt, fußt auf einer grundlegenden Trennung: Die Rede ist stets vom „Wir“, die wir hier sind (und vermeintlich immer schon hier waren), und auf der anderen Seite vom „Die“, den Illegalen und Migranten, die angeblich nicht zu uns gehörten, fremd seien und hier nichts zu suchen hätten. Wahlweise lässt sich diese Achse der Unterscheidung auch von der Horizontalen in die Vertikale drehen – dann liest sich dieselbe Gleichung als „wir“, die wir hier unten sind, denen nicht zugehört wird, und „die“, die da oben sind, die korrupten Politiker, die Gutmenschen-Lobby und Lügenpresse.

„Wir und die“ ist die Kernformel, der erste Glaubenssatz des Populismus. Beide Varianten der Formel bewirken das Gleiche: Sie konstruieren zusammen mit dem Pol der Selbstvergewisserung den Gegenpol einer angeblichen Bedrohung. Sie reduzieren damit die zunehmende Komplexität der Welt auf ein Schema, dem selbst der einfachste Geist noch folgen kann. Und sie erlauben es gleichzeitig, die Ängste und Aggressionen, die als Reaktion auf empfundene Bedrohung und Komplexitätszuwachs entstehen, auf ein klares Ziel zu richten. Schuld sind nie „wir“, sondern immer nur „die“. Und wie wird es besser? Ganz einfach, „die“ müssen weg.

Das größte Problem am „Wir und die“ scheint das Beharren auf einer starren Grenze zu sein, die Behauptung einer undurchdringlichen und schädlichen Andersartigkeit. Ohne Grenzen und Unterscheidungen allerdings, ist weder  Wahrnehmung noch Erkenntnis möglich. Wenn wir überhaupt etwas ‚sehen‘ wollen, können wir auf das Einzeichnen von Konturen in die Wirklichkeit nicht verzichten. Ist es nicht sinnvoll, sogar unabdingbar, zwischen dem Eigenen und Fremden, zwischen Oben und Unten zu unterscheiden?
Wenn wir das „wir“ als dynamische Aktivität, nicht als starre Zuschreibung begreifen – kann aus der Unterscheidung die Beschreibung eines konstruktiven Prozesses werden? Oder taugt die Rede vom „Wir und die“ doch nur zur rhetorischen Waffe politischer Brandstifter?

In einer aktuellen Themenwoche vom 3. bis 11. Juni wollen wir anhand von Gesprächen und Vorträgen die politischen Entwicklungen derjüngsten Vergangenheit im Kontext von Identität, Integration und Segregation untersuchen. Dazu zeigen wir passende Filme sowie Theaterproduktionen.


Programmplanung:
Prof. Dr. Stefan Berger, Alexander Leiffheidt, Nina Selig
Eine Themenwoche des Schauspielhauses Bochum in Kooperation mit der Stiftung Geschichte des Ruhrgebiets und dem endstation.kino

Theater, Vorträge, Kino & Gespräche:

Über folgenden Link gelangen Sie zu einer Übersicht aller Veranstaltungen im Rahmen der Themenwoche „Wir und die?“ vom 3. bis 11. Juni 2017: