Die Bloggerin Clara Werdin hat die Premiere von Nicht wie ihr im „Wohnzimmer“ der SG Wattenscheid 09 begleitet und ihre Eindrücke für uns zusammengefasst.

„Kein gutes Mixtape beginnt mit einem Lied, in dem I Love You vorkommt oder I miss you, kein richtiges Mixtape“, – so lautet ein Zitat aus dem Stück „Nicht wie ihr“, das am 4. Mai im Vereinsheim des SG Wattenscheid 09 Premiere gefeiert hat. Und vielleicht gilt diese Regel auch für Theaterinszenierungen. Nicht wie ihr, in der Regie von Malte Jelden, beginnt an diesem Abend jedenfalls nicht mit einem Liebeslied, sondern mit der Vereinshymne von Wattenscheid 09 des Sängers Lenni und die geht so: „Fußballzeit bei uns im schönen Wattenscheid (…) Wattenscheid 09 wird niemals untergehen!“ Zu der euphorischen Schlagermelodie laufen die drei Schauspieler*innen Konstantin Bühler, Karin Moog und Anne Rietmeijer in Sportkleidung, Stollenschuhen und Stutzen (Kostüm: Sophia Deimel) auf das Spielfeld – in diesem Fall eine kleine mobile Bühne im Wattenscheider „Wohnzimmer“. Und das unter erstem schüchternen Applaus des Publikums.

Etwas ist anders an dieser Inszenierung. Und das merkt man bereits am Weg zum Spielort. Dieser Theaterabend findet nicht wie gewohnt im Schauspielhaus statt, sondern in Fußballvereinsheimen in Bochum. Was das für einen Unterschied macht, merkt man schon bei der Anreise. Wo ist der Wattenscheider Sportplatz eigentlich? Und fahren da Busse hin? Wo ist der Eingang und wo soll hier die Bühne sein?

Das Wattenscheider Sportzentrum liegt ungefähr 15 Gehminuten vom Wattenscheider Hauptbahnhof entfernt, und bevor man das frisch renovierte Vereinsheim erreicht, das auch mal für Familienfeiern genutzt wird, kommt man an Umkleidekabinen und am Kunstrasenplatz vorbei. Zeitgleich zur Premiere von Nicht wie ihr findet dort ein wichtiges Fußballspiel statt, deshalb ist der Platz voll mit Fußballern: Draußen treffen die Wattenscheider B-Junioren in schwarz-weißen Trikots auf den VfB Waltrop 2. Und im Vereinsheim trifft das Publikum erstmals auf Ivo Trifunović, den Hauptcharakter, den Star des Abends oder, wie er sich selbst gerne bezeichnet, „die Sonne, um die sich das Universum dreht“.

Nicht wie ihr basiert auf dem gleichnamigen Roman des Österreichers Tonio Schachinger und erzählt die Geschichte des Starfußballers Ivo, der nicht nur beim FC Everton Fußball spielt, sondern auch schnelle Autos fährt, seine Frau Jessy mit seiner Jugendliebe Mirna betrügt und leidenschaftlich gerne Mixtapes hört – vor allem Mixtapes von Mirna.

In der Inszenierung gibt es keine festen Rollen, jede*r spricht mal Mirna oder Jessy, mal Ivo oder die Erzählstimme. Auf beigen Würfeln sitzen die Schauspieler*innen nebeneinander und spielen sich die Sätze zu wie Pässe in einem Fußballspiel – in einem schnellen Fußballspiel, bei dem die Spieler*innen wach sein und viel Text kennen müssen. Dabei sorgt Schachingers ungeschönter, beinahe stumpfer Schreibstil oft für Lacher. Zum Beispiel, wenn Ivo, in diesem Fall Rietmeijer, konstruktive Sandwich-Kritik äußern soll: „Äh, deine Flanken sind gut, aber deine Pässe sind oft scheiße und (…) ich finde deine Freundin geil.“ Den Witz der Figur von Ivo tragen Bühler, Moog und Rietmeijer nicht nur durch passende Betonung, sondern durch gekonnte Gesichtsausdrücke nach außen, die die Sätze oft noch lustiger oder gerade erst deshalb lustig machen. Dann muss man zum Beispiel lachen, wenn Mirna und Ivo sich einfach nur eine gefühlte Ewigkeit dumm anlächeln und die eh schon klare Szene durch den Einwurf „Eine Weile lang lächeln beide sinnlos“ noch klarer, sogar unnötig klar gemacht wird.

Als Zuschauer*in betrachtet man das Spiel der drei Schauspieler*innen von ungemütlichen, aber zur Szenerie passenden braunen Holzstühlen und von Barhockern aus. Hinter den Schauspielenden steht in großen Buchstaben: 09 WOHNZIMMER (aber man könnte auch sonst nicht vergessen, wo man sich gerade befindet) und an dem Tresen in der Ecke wird mit Stauder-Bier geworben. Auch im Publikum sitzen Leute mit Bier in Plastikbechern. Die Atmosphäre ist locker. Während Bühler Sätze wie „JÖRG, FUSSBALL IST EIN BEWEGUNGSSPORT“ ins Publikum ruft und dabei von Moog mit „JUNGE, DU BIST STÜRMER!“ oder „JA, GENAU SO!“ unterstützt wird, wird draußen auf dem Platz das richtige Fußballspiel angepfiffen. Das fällt auf, weil man den Pfiff auch im Vereinsheim hören kann. Ebenso wie die Rufe von der Seitenlinie oder das Geräusch, wenn ein besonders kräftiger Schuss auf das Leder des Fußballs trifft. Das, was draußen passiert, passiert irgendwie auch drinnen, nur halt in Form von performter Sprache und nicht in Form von wirklich ausgeführten Pässen, Flanken und Elfmetern. Rote Köpfe, wie bei einem Fußballspiel, haben die Schauspieler*innen aber auch.

In der letzten Szene – die 92. Spielminute – schildern Bühler, Moog und Rietmeijer ein Länderspiel von Ivo, so laut und emotional, wie das normalerweise nur Fußballkommentator*innen machen. Dafür kommen sie dem Publikum auf ihren Würfeln so nah wie es der Raum zulässt, wodurch es sich wie eine 1 gegen 1 Situation anfühlt, oder eher wie 3 gegen 50. Während Ivo unter Gebrüll die rote Karte bekommt und das Spielfeld verlassen muss, schießt die B-Junioren Mannschaft des SG Wattenscheid 09 tatsächlich ein Tor – das Siegertor.
Drinnen gab es nie einen Ball, aber mitfiebern kann man trotzdem: Ivo spielt Fußball, Rietmeijer passt zu Moog, Ivo liebt Mirna, Moog passt zu Bühler, Ivo hat eine Familie, Bühler passt zu Rietmeijer, Ivo ist verheiratet, Pass, Ivo denkt an Mirna, Pass, Ivo denkt nur an sich, Dribbeln, Ivo spielt Fußball. Und ist Lieben nicht irgendwie auch wie ein Fußballspiel, ein Liebesgeständnis wie ein Elfmeter?

Am Ende des Abends steht nicht nur die Frage im Vereinsraum, ob man Ivo jetzt komplett abgehoben oder doch irgendwie sympathisch finden soll, sondern auch die, ob Fußballvereinslieder wie SG Wattenscheid 09 nicht auch sowas wie Liebeslieder sind. Eins steht jedenfalls fest: es sind gute Melodien, um einzulaufen, sei es ins Stadion oder auf die kleine Bühne des Wohnzimmers vom SG Wattenscheid 09.

 

Text: Clara Werdin

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