Bloggerin Clara Werdin war bei der Vorstellung von „Nicht wie ihr“ im Deutschen Fußballmuseum dabei und berichtet von dem anschließenden Publikumsgespräch, bei dem es knappe Antworten, einen schwitzenden Moderator, aber auch leuchtende Augen gab.  

Der Moment, wenn man durch den Spielertunnel aufs Spielfeld läuft: erst hört man sie nur, im ersten Moment vom Flutlicht geblendet, dann sieht man sie, die 80-tausend jubelnden Menschen auf den Tribünen. Die Stollenschuhe knirschen auf dem Rasen, um einen herum die Mannschaftskollegen in gleichen Trikots und die gegnerische Mannschaft auf der anderen Seite, ebenso aufgeregt, ebenso motiviert - gleich geht’s los! „Für diesen Moment lohnt es sich doch, Profifußballer zu sein“, sagt Regisseur und Intendant des Schauspielhauses Johan Simons.

Er sitzt auf der kleinen mobilen Bühne, bestehend aus beige-goldenen Würfeln, die zur Inszenierung von „Nicht wie ihr“ gehört. Heute steht die Bühne im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund und die Arena ist voll, jeder Platz im Veranstaltungssaal des Museums ist besetzt, sogar auf den Treppenstufen sitzen Zuschauer*innen. Eben noch haben die Schauspieler*innen Konstantin Bühler, Karin Moog und Anne Rietmeijer im Fußballdress mit Stutzen und Stollenschuhen auf der Bühne geschwitzt und das Stück „Nicht wie ihr“ gespielt. Jetzt haben sich neben Johan Simons vier weitere Personen zum Publikumsgespräch auf der Bühne versammelt – gemütlich sitzen sie nebeneinander, lassen die Beine baumeln: Der Gründungsdirektor des Fußballmuseums Manuel Neukirchner, der Leiter für Medien und Kommunikation Knut Hartwig und Tonio Schachinger, Autor des Romans „Nicht wie ihr“, auf dem die Inszenierung basiert. Mit ein wenig Verspätung stößt noch Karin Moog dazu, nun ohne Stollenschuhe und Trikot – die hat sie in der Umkleidekabine gelassen. Die Runde ist komplett.  

Im Gespräch, das Knut Hartwig moderiert, geht es – natürlich – um Fußball und um Theater. Was für Gemeinsamkeiten gibt es zwischen diesen, auf den ersten Blick weit voneinander entfernten, „Welten“? Das sei zum einen die Faszination des Spiels, findet Museumsdirektor Neukirchner: „Wenn man sich Künstler anschaut, zum Beispiel die Schauspieler, dann sieht man, dass die sich mit einer Figur identifizieren und dass die da mit Haut und Haaren drin aufgehen. Das ist eine hohe Kunst. Und bei den Fußballern ist das ähnlich. Es gibt viele Fußballer, die nicht für den Sport leben, weil sie damit genug Geld verdienen, um einen Bugatti zu fahren, sondern weil sie fasziniert sind von dem Spiel.“ Und weil Neukirchner dabei auf Ivo Trifunović anspielt, die Hauptperson in „Nicht wie ihr“, der wirklich gerne Bugatti fährt, zitiert Karin Moog Ivo in diesem Zusammenhang so: „Die Sonne kann nur aufgehen, wenn jemand da ist, den Ivo liebt.“ Als Erklärung schiebt sie hinterher: „Liebe ist schon wichtig, um die Energie für das Spiel zu haben. Egal, um welches Spiel es geht.“

Eine weitere Gemeinsamkeit sei die Momenthaftigkeit: „Sowohl Fußballer als auch Schauspieler müssen in dem einen Moment abliefern. In den Spielminuten. Und dabei oft improvisieren.“, sagt Simons „dadurch spielt Nervosität auch eine große Rolle. Das hat man heute auch gemerkt. Die Schauspieler*innen mussten sich erstmal warmspielen und haben dann im Team zusammengespielt.“ Immer wieder werden Begriffe verwendet, die man eher aus dem Fußballbereich kennt, um über das Theater zu sprechen und umgekehrt. So ist zum Beispiel von der Inszenierung des Fußballs im Deutschen Fußballmuseum die Rede oder vom breiten Fußballfeld der Gedanken, das die Schauspieler*innen in den Proben betreten haben.
Tonio Schachinger sieht das ganze nüchtern: „Eine Gemeinsamkeit ist die Arbeit“ sagt er „beides ist Arbeit. Und die Vorstellungen, zum Beispiel vom Einlaufen ins Stadion, diese großartigen Momente, werden dann doch ein bisschen getrübt, wenn man erkennt, dass Profifußball vor allem auch Arbeit ist.“ Er für seinen Teil möchte lieber kein Profifußballer sein, zum Beispiel wegen der kaputten Knie. Aber ihm geht es auch um Zeit: „Als Schriftsteller habe ich neben dem Schreiben noch Zeit und Zeit ist Freiheit. Als Profifußballer hat man viel Geld, aber keine Zeit mehr, es überhaupt auszugeben.“ Mit „Nicht wie ihr“ wollte er Profifußball ernstnehmen, ihn weder beschönigen, noch sich satirisch über ihn lustig machen.

Neben dem Inhalt von Schachingers Kommentaren in dieser Gesprächsrunde, ist auch die Art seiner Einwürfe sehr unterhaltend. Hin und wieder wird klar, dass er es ist, der sich Ivo Trifunović ausgedacht hat. Einerseits durch das Wissen über Fußball, das er manchmal beiläufig einbringt, wenn er Namen nennt oder von bestimmten Ereignissen im Fußball berichtet. Andererseits, wenn er auf Fragen wie: „Wie fanden Sie die Inszenierung?“ schlicht mit „gut“ antwortet. Damit bringt er das Publikum zum Lachen und den Moderator ganz schön ins Schwitzen. Man möchte am liebsten aus dem Stück zitieren und rufen: „Ganze Sätze, Schachinger! Ich-Botschaften! Ich finde, dass …“ Aber eigentlich macht ihn gerade diese lockere Art sympathisch und das Gespräch so interessant und unterhaltsam.

Text: Clara Werdin

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