Der Regisseur Ariel Efraim Ashbel (AEA) und die Sängerin Ruth Rosenfeld (RR) im Gespräch mit dem Musikkurator Tobias Staab (TS)

TS: Wie kam das Projekt DIVA zustande?

RR: Das Wichtigste für mich ist, dass dieses Projekt aus unserer Liebe, meiner und Ariels Liebe zu dieser Musik und zu Oum Kalthoum und dieser Tradition entstanden ist. Es hat keinen politischen Gedanken in seinem Ursprung. Im Rückblick wurde natürlich ein politischer Aspekt hinzugefügt, weil Ariel die Idee hatte, hier in Berlin ein Orchester zu gründen, weil damals viele Flüchtlinge aus Syrien tatsächlich hierher kamen, und wir dachten, es wäre ein großartiges Projekt, die Menschen hier in die Gesellschaft zu integrieren, indem wir ihnen die Möglichkeit gaben, das zu tun, was sie zu Hause getan haben, nämlich Musik zu machen, auch in ihrem Sinne, in ihrer Tradition und ihnen eine Bühne zu geben. Auf diese Weise treffen wir uns mit Menschen auf eine Weise, die unter normalen Umständen nicht möglich wäre. Ich bin in Israel aufgewachsen, mit der Tatsache, dass ich nur davon träumen konnte, Kontakt mit Syrern zu haben, aber ich wusste, dass es ein Traum bleiben würde. Dies ist für Menschen mit einem israelischen Pass einfach nicht möglich. Die Grenze im Norden Israels ist nur einen Schritt entfernt, aber wir dürfen keinen Kontakt miteinander haben, wir dürfen nicht in die betreffenden Länder reisen; dasselbe gilt für den Libanon. Da wir keine diplomatischen Beziehungen zum Libanon unterhalten, dürfen libanesische Diplomaten den Israelis nicht einmal die Hand schütteln. Ich erwähne den Libanon, weil wir von einem Festival wieder ausgeladen wurden, zu dem wir mit dem Projekt eingeladen wurden. Die Kuratoren des Festivals kamen aus dem Libanon und als sie hörten, dass Ariel und ich Israelis sind, zogen sie ihre Einladung zurück. Die Erklärung war: "Wir können keine Israelis in dem Programm haben, das wir kuratieren, weil wir sonst auf die schwarze Liste gesetzt werden. Wir würden im Libanon nie wieder Arbeit finden." Das ist die politische Dimension unseres Projekts.

TS: Ruth, als Sängerin bist du die Botschafterin des Projektes, du bekommst viel Feedback ab, die guten und die schlechten Energien. Was kannst du davon berichten?

RR: Als diejenige, die auf der Bühne steht, kann ich sagen: Am Anfang sehen mich die arabischen Zuschauer*innen natürlich wie eine Außerirdische an. Sie sind es nicht gewohnt, wie ich singe, natürlich ist es kein traditionelles Arabisch. Aber innerhalb von fünf Minuten sind sie bei mir und machen mit. Es entsteht eine Kommunikation. Deshalb kann das Argument, dass einige Leute meinen, ich mache es nicht "richtig", für mich nicht zählen.

AEA: Für viele Menschen war es vor allem rührend. Die Leute, die die Musik kennen, waren begeistert, die Musik durch ein großes Orchester live zu hören. Weil das eigentlich nie passiert, ist es eine große Sache. Das Publikum schätzt auch sehr zu sehen, wie berührt Ruth ist. Für Leute, die die Musik nicht kannten, war es einfach aufregend, zum ersten Mal solch ein gemischtes Publikum zu erleben. Das passiert sonst nie. Die Menschen kamen zusammen. Innerhalb des Theaters.

TS: Wie bist du mit der Musik in Kontakt gekommen?

RR: Ich habe diese Musik in Israel kennengelernt, sie ist dort sehr beliebt, obwohl es arabische Musik ist, kennt jeder Oum Kalthoum.

AEA: Mehr als 50% der jüdischen Bevölkerung Israels kommen aus arabischen Ländern, Menschen aus Marokko, Ägypten, Libanon, Jemen, Syrien, so viele israelische Juden haben die Musik von Oum Kalthoum in ihrer Familiengeschichte, in ihrem Erbe, sie ist nicht getrennt, sie ist vollständig verflochten. Und Oum Kalthoum selbst trat in den 1930er Jahren vor der Gründung des Staates Israel in Tel Aviv auf. Nicht nur für ein arabisches, sondern auch für ein jüdisches Publikum und sie bekam dafür übrigens von ihren arabischen Fans eine Menge Hass ab.

TS: Seit Beginn des Projekts seid ihr mit verschiedenen Anschuldigungen konfrontiert worden. Was störte die Leute?

RR: Der Hauptvorwurf ist die der kulturellen Aneignung. Das wurde mir von einer Bekannten mitgeteilt, die ich mehrmals eingeladen hatte. Sie sagte zu mir, dass das, was wir da machen, unmöglich sei. Mit dem Untertext: Was willst du von uns? Warum nimmst du unsere Musik? In der westlichen klassischen Musik sieht man es in Oper und klassischen Orchestern, jeder kann mitmachen: Juden, Muslime, Christen.... wer gut ist und Musik machen kann, ist willkommen. Es gibt Dutzende von Beispielen für kulturelle Crossover. Sicher, nicht jeder muss es mögen, aber jeder hat ein Recht auf die Interpretation von Musik, denke ich.

AEA: Ich denke, es ist zwingend notwendig, die Authentizität hinter sich zu lassen und nicht mehr zu versuchen, authentisch zu sein, weil es nicht wirklich produktiv ist und es uns irgendwann zurück in den menschlichen Zoo bringen würde. Das ist wirklich mein Glaube, wenn man nur Leute, die in einer bestimmten Kultur aufgewachsen sind, eine bestimmte Musik spielen lässt oder bestimmte Kleidung anziehen lässt, trennt man die Leute, dabei leben wir ohnehin in einer so durchmischten Kultur.

RR: Meine Absicht ist es gerade keine Kopie zu machen, was bedeutet, dass man sich dieser Musik völlig liebevoll und respektvoll, aber dennoch aus einer anderen Perspektive nähern kann. Ich komme mit klassischem europäischem Musikwissen und ich gebe niemandem vor, dass ich ein Experte für arabische Musik bin. Ich befinde mich in einem Lernprozess. Das Ziel ist nicht eine kulturelle Nachahmung, oder wie ein arabischer Sänger zu klingen. Ich bin keine arabische Sängerin, ich singe mit meiner Stimme. Und das ist eine schwierige Sache für Leute, die diese Musik und vor allem diese Sängerin lieben. Das macht es fast blasphemisch, dass ich es anders singe und dass ich Israelin bin.

AEA: Nach unserer Performance im HAU habe ich eine Stellungnahme als Reaktion auf die Kritik, die in den Social Media stattgefunden hat, geschrieben. Ich habe gesagt, dass die Menschen, die uns angreifen, weil wir Israelis sind und diese Musik spielen, im Grunde genommen diese sehr problematische, zionistische Agenda der Trennung zwischen Juden und Arabern wiederholen. Und das, obwohl die Menschen, die uns angreifen, meist eine sehr starke linke Haltung haben. Ich sagte deutlich, dass ich aus Israel komme, aber Israel nicht vertrete, dass ich den Rassismus der israelischen Regierung nie unterstützen würde. Als die Leute mitbekamen, dass ich selbst sehr links ausgerichtet bin, wurde es besser. Aber es gab auch die Situation hinter den Kulissen. Wir beide haben es nicht gespürt, aber die Musiker schon. Viele von ihnen haben viel Druck erfahren, im Privaten, von Familien, Freunden. Ein paar Leute verließen das Orchester. Eine Person sagte mir, dass sie gehen würde, weil sie noch Familie in Syrien hat, im Krieg. Und sie hatte buchstäblich Angst, dass, wenn jemand aus Syrien irgendwie über das Internet erfahren würde, dass jemand aus der Familie dieser Person mit einem Israeli zusammenarbeitet, dann würde es tatsächlich ihre Familie während des Krieges in Syrien in Gefahr bringen.

RR: Wir machen kleine Schritte. Durch das Orchester habe ich syrische Freunde, was mir normalerweise nicht erlaubt wäre. Und es ist völlig legitim und das ist ein Stück Frieden. Weil wir zusammen mit Menschen musizieren, die unter normalen Umständen nicht miteinander kommunizieren dürften. Und jeder Versuch, das zu ändern, ist Friedensarbeit, hier in Deutschland, hier unter Musikern. Nicht dort, wo es brennt.

AEA: Es ist keine Geste der kulturellen Aneignung, sondern des Respekts. Es geht darum, die Hand auszustrecken. Auch die Syrer, die nicht als Geflüchtete, sondern als Künstler*innen teilnehmen. Ruth öffnet sich ihnen und heißt sie willkommen. Ich kann deine Sprache nicht so perfekt sprechen wie du, aber ich öffne mich, singe für dich...

RR: Für mich ist es eine Liebeserklärung an diese Kultur. Ich bekunde damit meinen Respekt vor den Musikern, vor der Musik.

AEA: Ich glaube nicht, dass wir durch Musik Frieden schließen können, ich glaube nicht mehr an diese Art von Multikulturalismus.  Aber ich glaube, dass wir über vereinfachte Vorstellungen von Identität hinausgehen können. Wir müssen damit beginnen, unsere Definition des Weltkulturerbes zu erweitern. Was Kanon ist. Was der musikalische Kanon ist. Und die Verlagerung unserer kulturellen Schwerpunkte ist inzwischen eine Notwendigkeit. Die Zentralität einer westlichen Kultur, insbesondere einer westlichen Kunstpraxis, ist ein Traumgebilde. Das wissen wir mittlerweile. Aber die Generation vor uns wusste das nicht. Die Erkenntnis ist relativ neu. Die Tatsache, dass wir eigentlich nach außen schauen müssen, weil das Äußere bereits Mittendrin ist. Und ich glaube, dass das Theater der richtige Ort ist, um solche Ideen zu verarbeiten.

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