Die österreichische Autorin Gerhild Steinbuch im Gespräch mit Felicitas Arnold

Gerhild Steinbuch, Autorin, Dramatikerin und  Gründungsmitglied von Nazis & Goldmund, einer Autor*innenallianz gegen die Europäische Rechte, hat für den Absolventenjahrgang 2019 der Schauspiel-Klasse der Folkwang Universität der Künste den titelgebenden Text der Produktion Was glänzt geschrieben.

Gerhild, wie entsteht einer deiner Texte?

Vom Thema ausgehend, das mich interessiert, lese ich viel. Theorie, Zeitungen, Essays, Tagespolitisches in Internetforen, das ist die konkrete Rechercheebene. Mich interessiert bei meinen Recherchen der Ton, in dem über ein Thema geschrieben und gesprochen wird, gerade auch medial. Mich interessiert die Schnelligkeit, der Rhythmus der Kommentare. Beim Schreiben baue ich dann - meistens musikhörend – Bilder, die sich motivisch verknüpfen lassen mit den Inhalten der Recherche.

Und was waren im konkreten Fall von Was glänzt Themen, die dich interessiert haben?

Bei der Arbeit an diesem Text hat mich das Besetzen von Geschichte und Geschichten durch die neuen alten Rechten beschäftigt, die damit verbundene Umkehr von Tätern und Opfern. Ich habe mich gefragt, wie ein Aufarbeiten und Erinnern stattfindet und wie wird die Erinnerung anderer instrumentalisiert um den eigenen Nationalstolz wieder hochhalten zu dürfen. Verknüpft habe ich diese Sprachbewegung von Kommentieren, Verteidigen und dem Ablegen falscher Geständnisse mit der Bewegungsform der Wanderung durch eine, in diesem Fall deutsche, Landschaft in mehreren Bildern. Beim Wandern schaut man in die Landschaft und betrachtet die schöne Oberfläche, auch das Sprechen im Text findet an der Oberfläche statt, denn das darunter ist mehr, als der Stolz der Sprechenden ertragen kann.

Die Sprachbewegung in deinem Text kommt aus einem Wir, einem Chor, wie kam es dazu?

Ich habe den Text für diese Klasse, diese Gruppe sehr verschiedener Schauspieler*innen geschrieben, die als sie selbst sichtbar sein und nicht durch den Text überlagert werden sollen. Wir-Gemeinschaften sind und werden ja oft reaktionär besetzt. Ich habe versucht, eine Sprechvorlage für eine andere Form von Gemeinschaft zu finden, die Mehrstimmigkeit zulässt. Dafür habe ich mit jeder*m der Schauspieler*innen Gespräche geführt, um nicht autoritär den Text den Schauspieler*innen und ihren Körpern von außen aufzuerlegen, sondern Anknüpfungspunkte zu finden. Der Text soll ein Angebot sein, kein Korsett. Zudem wird nach meiner Abgabe ja auch mit dem Regisseur noch viel an dem Text weitergearbeitet, der Text ist nur ein Teil der Aufführung. Richtig „lesbar“ wird er auch für mich erst in Verbindung mit den Körpern, zu denen er sich in Bezug setzt. Das macht ihn für mich zum Theatertext.

Noch einmal zurück zu der deutschen Landschaft, die der Text durchstreift. Du selbst hast ihn in Österreich, wo du lebst, geschrieben. Geht es auch um die aktuelle österreichische politische Landschaft?

Mir scheint, dass die Normalisierung rechter und rechtsextremer Positionen durch die Regierung aus ÖVP und FPÖ noch stärker vorangeschritten ist. Verbindungen zu Rechtsextremen, zu den Identitären werden kaum kaschiert, menschenfeindliche Positionen selbstverständlich eingenommen und als demokratisch verträgliche Normalität behauptet. Ich möchte damit nicht sagen, dass die Situation in Deutschland besser ist oder die Problematik rechtsextremer An- und Übergriffe kleiner. Sie ist in Österreich, durch den wiederholten Sprung der Rechten in die Regierung, anders gelagert. Durch die Regierungsbildung wurde eine menschenfeindliche Art zu sprechen und Politik zu machen als „neue Mitte“ etabliert und normalisiert. Ich finde es wichtig, meiner Angst diesen Entwicklungen gegenüber dadurch zu begegnen, dass ich durch meine Arbeit Haltung beziehe.

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