Was treibt Hamlet an? Wie lässt du sich auf diese komplexe Figur ein?

Sandra Hüller: Ich möchte gerne voranstellen: Ich weiß es auch nicht. Es gibt nur Vermutungen. Bei anderen Rollen weiß ich manchmal sehr genau, wie die Figur gestrickt ist und wie ich sie spielen soll. Dann gibt es keine Alternative. Aber Hamlet ist wie ein nasser Fisch, der einem ständig aus der Hand rutscht. Die Frage nach dieser Figur ist nicht eindeutig zu lösen. Das muss man akzeptieren. Ich kann nur darüber reden, wie ich persönlich mich Hamlet annähere. Viele Wesenszüge, die oft mit Hamlet verbunden werden, will ich nicht bedienen. Zum Beispiel kann ich seinen Wahnsinn, ob wirklich oder nur vorgetäuscht, nicht spielen. Wie sollte man sich Wahnsinn vorstellen? Wo es keine Regeln mehr gibt, wird es langweilig. Es bringt mir keinen Genuss, die Wände hochzulaufen, egal was machen zu dürfen. Der einzige Weg, den ich gehen kann, ist zu versuchen, empathisch zu sein und den Kern von Hamlets Gefühlen zu verstehen.

Was ist dieser Kern?

Sandra Hüller: Trauer. Wahrscheinlich hatte sein Vater für ihn eine große Bedeutung, und er leidet unter dessen Abwesenheit. Seine Mutter scheint eine nicht sonderlich gefestigte oder stabilisierende Person zu sein, sie bietet ihm keinen Halt. Hamlets Trauer rührt auch daher, nicht gesehen zu werden am Hof. Er fühlt sich allein und nicht ernst genommen. Nicht nur seine Mutter, auch seine Vertrauten brechen ihm weg. Rosencrantz und Guildenstern sind nicht mehr die Freunde von früher. Laertes haut lieber nach Frankreich ab, als dem Hof die Stirn zu bieten. Ophelia wird von ihrem Vater instrumentalisiert. All das macht Hamlet noch einsamer, als er es ohnehin schon ist. Dieses Alleingelassenwerden in der Welt spürt er mit voller Wucht. Hamlet ist sich den Widersprüchen des Universums bewusst, und er kann sich darüber mit Niemandem austauschen. Gedanklich ist er allen überlegen, das weiß er auch, und trotzdem sucht er permanent nach Möglichkeiten, sich über seine Sorgen und Emotionen auszutauschen.

Macht diese Trauer Hamlet aggressiv?

Sandra Hüller: Es gibt Trauernde, die zynisch werden. Auch Shakespeares Hamlet verletzt mutwillig. Vielleicht bin ich da zu beschränkt, aber das will ich nicht zulassen. Hamlets Auftrag ist es nicht, so glaube ich, Rache zu üben oder andere Figuren zu verletzen. Er will einfach, dass alle sich ins Gesicht schauen, die Wahrheit anerkennen, die eigenen Fehler zugeben, sich gegebenenfalls entschuldigen. Vielleicht ist das der falsche Weg, vielleicht macht diese Interpretation keinen Sinn, und es stellt sich im Nachhinein heraus, dass wir uns geschont oder getäuscht haben. Aber ich möchte unbedingt versuchen, einen Hamlet zu spielen, ohne abwertend anderen Figuren gegenüber sein zu müssen. Hamlet sollte versuchen, die anderen Menschen wirklich zu erreichen und sie zu Ehrlichkeit und Fairness zu bewegen. Wenn das gelingen würde, dann wäre Hamlet ein wirklich edelmütiger, ein echter Prinz.

Vielleicht ist dieser Auftrag noch viel schwerer, als Rache zu üben.

Sandra Hüller: Nochmal, möglicherweise kommen wir nicht weit genug und erzählen nur einen Bruchteil von dem, was Shakespeare in seinen Hamlet gelegt hat. Unsere Version ist, auch durch die radikale Textverkürzung, eine Bleistiftskizze. Genauso wie unser in der Luft schwebendes Bühnenbild. Wir machen nur einen Vorschlag. Niemand von uns behauptet, er oder sie wisse, wie es geht, Hamlet zu interpretieren. Das ist auch, was Johan Simons’ Theater auszeichnet: Er versucht, sich einem Autor und dessen Figuren anzunähern. Wir können nicht mit ihnen verschmelzen. Wie sollten wir das auch machen? Wir haben es unter Umständen wirklich mit Genialität zu tun. Mit Genialität können wir nicht eins werden, wir können uns nur zu ihr verhalten, auf sie reagieren. Natürlich gibt es auch einen gewissen Frust, Shakespeares Texte und Figuren nicht vollkommen ergründen zu können. Wir können Hamlet nicht ganz zu Ende denken. Dieser Frust ist aber auch eine wichtige Emotion von Hamlet selbst. Er beißt sich die Zähne aus, er realisiert, dass er seinen Auftrag nie ganz zu Ende führen kann. Den Menschen darauf hinzuweisen, ehrlich zu sein, wie sollte man diese Aufgabe erfolgreich zu Ende führen? Hamlet spürt, dass er in einem System lebt, das eine Tradition der Verlogenheit aufrecht erhält. Das Vergiften, Manipulieren, Lügen, Verführen, Vorspielen, Kämpfen, Verletzen hat sich in der Vergangenheit dieser Familie festgeschrieben und wird auch die Gegenwart und Zukunft prägen. „Die Welt ist aus den Fugen. Fluch und Scham, dass ich zur Welt, sie einzurenken kam!“

Kennst du dieses Gefühl?

Sandra Hüller: Ja. Ich glaube schon, dass ich geboren wurde, um gewisse Sachen aus der Vergangenheit meiner Vorfahren aufzulösen. Ich kann nicht so tun, als ob bestimmte Dingen nie passiert wären. Man kommt nicht wie ein unbeschriebenes Blatt Papier auf die Welt, man trägt Traumata aus vorherigen Generationen mit sich mit. Sich diesen zu stellen, kann schmerzhaft sein, aber es ist notwendig, das zu tun, damit man sie nicht an die nächste Generation vererbt.

Ein wichtiges Thema in Hamlets Reflexionen ist der Tod.

Sandra Hüller: Der „Sein oder nicht sein“-Monolog handelt davon. Hamlet steigt in das Stück ein mit einem absoluten Todeswunsch, aber er weiß nicht, wie er sich umbringen soll, und er hat Angst davor. Er weiß, dass Rosencrantz und Guildenstern ihn nach England begleiten, um ihn dort umbringen zu lassen. Aber das ist Hamlet zu entwürdigend. Mit Rosencrantz und Guildenstern hat er abgeschlossen, sie haben endgültig die Seiten gewechselt. Hamlet entkommt und kehrt an den Hof zurück, wo Laertes und Claudius ein neues Komplott geschmiedet haben. Auch wenn Hamlet wahrscheinlich nichts von der vergifteten Degenspitze weiß, vermute ich doch, dass er sich bewusst von Laertes umbringen lässt. „In mir liegt deine Waffe“, sagt Hamlet ihm. „Ich werde versagen. Ich lasse mich von dir besiegen“, meint er. Mit Hamlets Tod durch Laertes’ Gift schließt sich ein Kreis, denn Hamlet hat Laertes’ Vater umgebracht. Für Hamlet muss alles einen Sinn haben.

Hamlet definiert sich vor allem über Gedanken, über Sprache. Hat er für dich als Schauspielerin aber auch eine besondere physische Komponente? Wie näherst du dich ihm körperlich?

Sandra Hüller: Wenn ich Hamlet bei den Proben spiele, spüre ich ihn ganz genau. Hamlet ist ganz anders als zum Beispiel Penthesilea, die geradezu explodiert, die als Königin ganz gerade steht. Hamlet ist schmal, macht recht wenig mit seinen Händen, geht gebückt. Ihn umgibt eine seltsame Ruhe. Er ist nicht beweglich. Er guckt lieber zu, als sich einzumischen, und nimmt sehr viel wahr. Er ist fast wie ein Komodowaran, der sich einen ganzen Tag aufwärmt, um sich dann erst abends zu bewegen. Die Möglichkeit, den anderen Figuren zuzuschauen, ist ein Genuss, den Johan Simons erlaubt und ermutigt. Wir als Schauspieler*innen können in der ersten Reihe des Zuschauerraums sitzen, während andere spielen.Hamlet schaut viel zu, entscheidet sich bewusst, jetzt spiele ich mit, jetzt gehe ich auch auf die Bühne und handle. Es entgeht ihm nichts. Er ist keine impulsgesteuerte Figur – außer bei seinem Mord an Polonius.

Eine der Änderungen in unserer Fassung ist die Verschmelzung von Ophelia und Horatio. Was hat das zur Folge?

Sandra Hüller: Zumindest am Anfang ist Ophelia die Einzige, bei der Hamlet kurz zur Ruhe kommt, mit der er reden kann. Unsere Ophelia kennt Hamlet sehr lange und sehr gut, vielleicht noch besser, als er sie kennt. Ophelia kennt Hamlets Texte auswendig, sie weiß, was ihn stört und treibt. Sie ist seine Komplizin am Hof, genauso wie Laertes, auch wenn der sich entscheidet, sich dem Hof zu entziehen. Ophelia ist mit dabei, wenn Hamlet vom Geist des Vaters heimgesucht wird. Sie wird zeitweise vom Geist genauso mitgenommen wie er. Wie bei Shakespeare gibt es zwischen unserer Ophelia und Hamlet aber auch etwas, was sie voneinander entfernt. Für Ophelia bedeutet der Geist etwas anderes als für Hamlet. Sie liebt und bewundert Hamlet, aber kann sich auch von ihm distanzieren. Ophelia lässt sich von Polonius gegen Hamlet instrumentalisieren, und Hamlet beendet deswegen ihre Beziehung. Für mich hat diese Szene aber auch eine andere Bedeutung. Hamlet weiß, dass Ophelia in dieser Welt untergehen wird. Seine Aussage „Geh in ein Kloster“ heißt auch: Geh weg, flüchte so weit weg, wie du kommt. Egal,was du tust oder sagst, die Menschen werden es reframen und für ihre eigenen Zwecke missbrauchen. Rette dich, auch für mich, denn ich bin in meiner aktuellen Verfassung nicht gut für dich.

Auch hier interpretierst du ursprünglich aggressive, sogar misogyne Äußerungen Hamlets als eine Rettungstat.

Sandra Hüller: Es ist ein Wagnis und unheimlich schwierig, dieser Welt nicht zynisch zu begegnen. Man macht sich verletzlich, man wird vielleicht als Gutmensch beschimpft. Natürlich hätten wir uns auch nur die Textstellen herauspicken können, in denen Hamlet die Welt und die anderen Figuren sprachlich zerstört. Das haben wir aber nicht gemacht. Was hätten wir denn vom Theater, wenn wir der Welt und ihrer Gewalttätigkeit nicht etwas entgegenstellen würden? „Macht euch um mich keine Sorgen, alles ist mir eh gleich. Die Menschheit ist mir egal“, sagt Hamlet zu Rosencrantz und Guildenstern. Er fühlt sich von allen und allem entrückt. Das ist ein Zustand, mit dem ich persönlich mich nicht verbinden möchte. Mir ist nicht alles egal. Daher der Versuch, den Zynismus zu unterbinden und Hamlet zu einer Figur zu machen, die trotz aller erlebten Enttäuschungen nach Ehrlichkeit, Nähe und Sinn strebt.

Das Interview mit Sandra Hüller führte Jeroen Versteele

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