Wir. Im Theater geht es um das Wir.
Stärker als in jeder anderen Kunstform.
Theater kann Wir erschaffen: Spielende und Zuschauende vereint, wenn sich die Distanz zwischen Bühne und Sitzreihen auflöst, weil man die Erfahrung des Moments teilt, der jetzt, hier, nur für uns und durch uns entsteht. Wenn die Anonymität der Sitznachbarinnen und Sitznachbarn untereinander zurücktritt hinter die Gemeinschaft, die sich bildet, obwohl man einander vorher nie gesehen hat. Wenn aus einzelnen Spielerinnen und Spielern das erwächst, was man Ensemble nennt.
Es gibt dieses Wir des Moments.
Und es gibt ein Wir, das andauert.

Wer zusammenwächst, wird ein Wir.
Kaum Schöneres gibt es, als dieses Zusammenwachsen zu beobachten. Schöner ist nur, selbst Teil davon zu sein.
Viele neue Menschen haben sich am Schauspielhaus Bochum seit dem Sommer 2018 mit der Intendanz von Johan Simons versammelt. An erster Stelle natürlich die Schauspielerinnen und Schauspieler, aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen, Sprachkreisen, Kulturen, Generationen. Sie spielen zusammen. Sie rücken zusammen. Nicht nur auf den Fotografien für die neue Spielzeit.
So sind sie die Vision einer Gesellschaft. Das Bild einer neuen Gesellschaft – und die besten Botschafterinnen und Botschafter eben hierfür. Mit dem Enthusiasmus, der Liebe, dem Umarmen und Erdrücken, dem Schweiß, den Tränen, dem Lachen und den verzerrten Gesichtern, die dieser Prozess des Zusammenwachsens mit sich bringt.
Wenn man sie fragt, erzählen sie von ihren Erfahrungen in dieser Stadt Bochum. Vom Entdecken und Ankommen. Alltägliches und Aufrüttelndes. Von niedrigen Mieten und schönen Wäldern, der Herzlichkeit der Menschen, vom Einkaufen auf dem Markt oder Gemüseanbau auf dem kollektiven Acker. Erzählen von rassistischen Anfeindungen in der Stadtbahn oder auf dem Theatervorplatz. Und von hilfsbereiten Nachbarn, die zu Bochumer Adoptiveltern werden. Leben in Deutschland im Jahr 2019.

Leben in der Welt im Jahr 2019.
Theatermachen in der Welt im Jahr 2019 – dies ist und bleibt unser Motto.
Ein Knall und lauter Weckruf war der Start in unsere erste Saison – und das nicht nur, weil in Johan Simons’ Auftaktinszenierung Die Jüdin von Toledo die große Klage- und Mahnmauer des Humanismus donnernd zerschlagen wurde und im Hamiltonkomplex von Lies Pauwels dreizehn 13-jährige Mädchen die Welt in Unruhe schrien. Die FAZ schrieb anschließend: „So, hier ist es. Das Stadttheater unserer Zeit. Es steht in Bochum, der alten Ruhrpott-Provinz, nicht in Berlin, Frankfurt oder Wien. Im fahlbeleuchteten Abseits findet sich wie von selbst, was bei grellem Metropolenglanz mit größter Anstrengung vergeblich gesucht wird: ein Theater der Gegenwart, eine Bühne, die wieder Versprechungen macht, und ein Spiel, so lustvoll und leicht, dass einem aller betrieblicher Pessimismus, alle gewohnte Klage peinlich wird.“
Das Schauspielhaus Bochum erbebte – ob unter elektrisierenden Beats bei Ritournelle oder pornosophischen Gedankenspielen der Sade’schen Philosophie im Boudoir. Der (Bühnen-)Himmel öffnete sich und ließ all den Zivilisationsschrott des Westens auf Michel Houellebecqs scharfzüngige Gesellschaftsporträts Plattform und Unterwerfung krachen. Aktuelle Dramatik schärfte die antike Klassik: Elfriede Jelinek schenkte Euripides’ Iphigenie mit ihrem Sportstück ein Sekundärdrama, während Milo Rau Orest in Mossul auftreten ließ und daraus globalpolitisches Dokumentartheater machte.
Gesprächsstoff. Diskussionsstoff. Was ist (da) los in Bochum?
Neue Formen, Orte, Impulse: Medienkunst. Das Oval Office. Die Oval Office Bar. Die Zeche Eins. Theater im Ratssaal, Theater in der Turnhalle. Konzerte im Theater. Neue Sprachen: Englisch, nicht nur in den neuen Übertiteln, Französisch, Flämisch, Russisch, Chinesisch, Arabisch, Swahili – all das jetzt auf der Bochumer Bühne. Neue Fragen: nach Repräsentation und Rassismus als Themen von Stückentwicklungen und Dramenadaptionen – für erwachsenes und junges Publikum. Dieses Schauspielhaus Bochum ist der Ort, an dem sich starkes, viel diskutiertes Schauspiel von Penthesilea bis Hamlet gleichberechtigt trifft mit aktuellen Tendenzen aus Choreografie, Performance, Musik, bis zu Bildender Kunst.
Für manche war das Dataismus-Musical New Joy ein großes Fragezeichen – für andere großes Glück und etwas, was sie im Theater noch nie zuvor gesehen hatten.
Weltweit gefragte Künstler*innen kamen exklusiv nach Bochum: der 84-jährige Minimal-Music-Meister Terry Riley oder das chinesische Enfant terrible Tianzhuo Chen, der sein neustes Werk mit Bochumer Publikum im Oval Office filmte.
Und mit Séance de Travail schuf Trajal Harrell eine vielschichtig-berührende Laufsteg-Choreografie, die im Foyer des Schauspielhauses in eine „Welt der Diversität“ entführte, wie Die Deutsche Bühne schrieb, und dabei eine Gemeinschaft stiftete aus Tänzer*innen, Schauspieler*innen und Zuschauenden.

Ein Knall und Weckruf war der Start.
Weiter geht es.
To be continued.

Theater, wenn es gelingt, bringt ein Wir hervor.
Das Wir tut gut.
Und es tut auch not – in Zeiten, da zu viele Menschen links liegengelassen werden; da die Probleme der Welt nicht allein zu lösen sind.
(Ver-)suchen wir das Wir.
Doch wo Wir ist, ist auch Ihr.
Das ist die Kehrseite: Es gibt nie eine Gruppe ohne Außen.
Kaum ein anderes Thema ist gesellschaftspolitisch zurzeit so brennend. Teilhabe. Anerkennung. Inklusion.
Integration.
Die einen werden ausgeschlossen – ob willentlich, ob unbewusst. Andere isolieren sich selbst – auch nicht immer freiwillig.

Die neue Spielzeit 2019/2020 am Schauspielhaus Bochum erzählt in unterschiedlichen Geschichten, Beispielen und Formen von Ausschluss und Zugehörigkeit.
Die Gestrandeten am Quai West, der großen Eröffnungsinszenierung von Karin Henkel, sind Geflüchtete, Underdogs, Loser am Gesellschaftsrand. Eine Schicksalsgemeinschaft? Das bewegende Stück Welttheater von Bernard-Marie Koltès zeichnet die Menschen bei aller Härte des (Über-)Lebens auch mit viel Humor. Das gibt ihnen Kraft und Würde.
So entstehen im Theater Perspektivwechsel: vom Ihr zum Wir.
Die niederländische Künstlerin Lotte van den Berg rückt in der Zeche Eins die Toten globaler Unglücksfälle in unser individuelles Bewusstsein: Dying Together – gemeinsam sterben. Auch der junge Regisseur Florian Fischer setzt ein Zeichen und wirft in seinem Recherchestück XX Licht auf den Dunkelbereich unter anderem von 24-Stunden-Altenpflegerinnen aus Osteuropa.
Woyzeck, die wohl berühmteste „geschundene Kreatur“ der Weltliteratur, wird in Johan Simons’ Neudeutung, einer Koproduktion mit dem Burgtheater Wien, rehabilitiert als hypersensibler Mensch unter lauter Menschen, denen die zivilisatorischen Koordinaten abhandenkommen. Und das Theaterkollektiv Monster Truck arbeitet weiter an Fragen der Selbstermächtigung von geistig Behinderten und psychisch Kranken: mit einer Adaption der Moralsatire Das Narrenschiff.

Wer bestimmt die Norm? Wie schnell fällt man aus dem Raster – und aus der Bahn?
Der greise König Lear katapultiert sich selbst ins Abseits; Macht, Respekt und Liebe zerrinnen ihm zwischen den Fingern – vielleicht Shakespeares tragischste Dramenfigur. Den charismatischen Außenseiter Iwanow wiederum zerfressen seine Lebenszweifel; er kann den einstigen Weltverbesserer in sich nicht wiederbeleben – vielleicht Tschechows modernster Antiheld. Zwei große Dramen, die Johan Simons für unsere Zeit interpretieren wird.
Dass Alter, allem Jugendwahn zum Trotz, kein soziales Ausschlusskriterium mehr sein sollte, feiert die Electro-Punk-Queen und Ausnahmeperformerin Peaches – kurz vor ihrem 20-jährigen Bühnenjubiläum – in einem „Liederzyklus auf den alternden Körper“: ANTIBODIES / ANTIKÖRPER. Weltpremiere in den Bochumer Kammerspielen!
Eben dort besingt auch After Work von Tobias Staab mit der Münchner Subkultur-Ikone Polina Lapkovskaja die Kraft von Arbeit – in einer Welt nach der Arbeit. Was tun? Dazu passend schickt Tom Schneider Herakles als ersten Auftragsarbeiter der Menschheit in Heiner Müllers Sagenwald: Die Hydra ist das neue Bühnenabenteuer der preisgekrönten Macher*innen von Bilder deiner großen Liebe.

Da werden sie wieder überschritten, die Grenzen von Musik, Schauspiel, Tanz, Installation, die Grenzen der Genres, der Stile – der Normen des Theaters. Denn natürlich sollte Theater die unnormierteste Welt von allen sein.
Hier verzapft Murmel Murmel-Meister Herbert Fritsch einen neuen anarchischen Bühnenspaß im Schauspielhaus. Hier verzaubert Sue Buckmaster junge und alte Theaterbegeisterte mit der Unglaublichen Geschichte vom kleinen Roboterjungen. Hier erhebt sich Fräulein Julie über Standes- und Anstandsgrenzen, und Hanoch Levins Requiem versucht, dem Tod und dem Leben ein Schnippchen zu schlagen. Hier eröffnen wir in der Zeche Eins ein Restaurant und spielen dort – Teller an Teller. Hier gehen junge Regisseurinnen in die Stadt an kunstferne Orte. Hier geht der Intendant ins Anneliese Brost Musikforum Ruhr, um Ein Fest für Mackie mit den Bochumer Symphonikern auszurichten. Hier zerlegt in den Kammerspielen Der unsichtbare Mann für die kleinsten Zuschauer*innen ein ganzes Theater – oder können wir unseren Augen nicht trauen?
Hier werden laute und leise Konzerte, intime Gespräche und kontroverse Diskussionen, Poetry Slams und Prosa-Lesungen immer wieder aus vielen Ichs und Ihrs ein Wir erschaffen. Und hier ist das Oval Office – Powered by Brost-Stiftung der Begegnungsund Erlebnisraum moderner Kunst, Installationen und Performances, bei freiem Eintritt als Einladung an alle.

Hier ist das Schauspielhaus Bochum. Hier sind wir.
Hier werden wir – Wir.
Wir wollen zusammenwachsen. Wir wollen zusammen wachsen.
Ein Jahr hinter uns. Ein Jahr vor uns.
Wir sind Bochum. We are the World.
To be continued. Fortsetzung folgt.

Vasco Boenisch

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