Sehr geehrte Damen und Herren des Freundeskreises des Bochumer Schauspielhauses, lieber Johan Simons,

am 11. Oktober bekam Peter Handke einen Anruf. Darin wurde ihm mitgeteilt, dass er den Literaturnobelpreis bekommen wird. Ebenfalls am 11. Oktober bekam ich einen Anruf von Hajo Salmen mit dem Hinweis, dass ich den Bochumer Theaterpreis bekomme.

Die Bedeutung dieses Preises für mich und die Freude darüber, konnte nicht größer sein. Und das Schöne ist: Niemand hat sich bei mir darüber aufgeregt, im Gegenteil, ich darf meine Freude mit meinen Kollegen teilen.

Der Preis hat für mich eine besondere Bedeutung, denn meine Leidenschaft für den Beruf ist durch die frühen Besuche mit meinem Vater zu Zeiten der Bochumer Intendanz von Peter Zadek geboren worden. Dieses wilde, vitale Theater, die vielen Theaterbesuche von Kassel aus, haben mich über Jahre nachhaltig begeistert.

In meinem ersten Theaterengagement, was mich nach Essen geführt hat, habe ich nahezu jeden freien Abend die Vorstellungen von Claus Peymann gesehen. All die Schauspieler hatten für mich große Vorbildfunktion.

1986 bin ich dann selbst an das Bochumer Schauspielhaus engagiert worden von Frank-Patrick Steckel und Andrea Breth. Es war eine sehr wichtige Zeit mit vielen großartigen Kollegen und Regisseuren. Es waren entscheidende Jahre, die mich in meinem Beruf weitergebracht haben.

Und das Publikum mit seiner Begeisterung für ihr Theater und ihre Schauspieler haben in mir das Gefühl geweckt, Bochum sei meine Wahlheimat. Nach 30 Jahren Theaterarbeit an den Münchner Kammerspielen und am Bayerischen Staatsschauspiel bin ich heute zurück in Bochum.

Zu meiner großen Freude gibt es viele Wiederbegegnungen mit Menschen - aus der technischen Abteilung, aus der Verwaltung, aus dem Betriebsbüro, mit Jutta von Asselt und Beatrix Feldmann, meinen Agenten Volker Störzel, der ebenfalls hier lebt und arbeitet und durch den ich immer einen Kontakt zur Stadt gehabt habe.

Und auch mit einigen Zuschauern.

Ein Stück Heimat tut sich für mich auf, nach fast 30 Jahren!

Das Bochumer Schauspielhaus heute:

Das Theater ist ein Ort der Kommunikation. Zwischen den Künstlern und der Stadtgesellschaft. Unser Ensemble ist ein Spiegelbild der heutigen Gesellschaft, einer multikulturellen Realität. Das Global Village steht hier auf der Bühne, in einer Welt, die sich immer weiter geöffnet hat.  

Das Theater hat unendlich viele Möglichkeiten sich auszudrücken:

über Raum, Zeit, Bild, Ton, Tanz und Bewegung, Literatur, Licht, Musik. Unter einem Dach arbeiten viele Berufe. Wir sind ein eigenständiger Organismus: ein Dorf, wie Johan Simons immer sagt. Und der Mensch steht in seinem Sein, mit all den Fragen seiner Existenz im Mittelpunkt, mit all den Fragen über die Sinnhaftigkeit unseres Daseins.

Wir haben die Möglichkeit, durch die Kunst unser Leben zu verstehen.

Im Theater findet ein dauerhafter Diskurs statt über die aktuellen Fragen der Gesellschaft, der Zeit, Fragen an das Menschsein, Fragen der Ästhetik. Und wenn das Theater eine Sinnhaftigkeit für sich in Anspruch nehmen will, so muss es sich auch an dem Weltgeschehen und der Tagesaktualität orientieren.

Dafür stehen beispielsweise die beiden Stücke von Michel Houellebeq: Plattform und Unterwerfung. Tagesaktueller, politischer und direkter kann ein Theaterabend nicht sein. Die Publikumsdiskussionen im Anschluss an die Vorstellungen beweisen, dass wir mit den beiden Stücken im Herzen und bei den Ängsten in unserer Zeit und unserer Gesellschaft ankommen.

Das Theater hat auch die Aufgabe der Wissensvermittlung und als Weltgedächtnis zu fungieren. Aber das Theater ist kein Antiquitätenladen. In die Stücke, die für uns geschrieben wurden von Menschen, die uns etwas über uns erzählen wollten, die aus einer anderen Zeit zu uns hinüberreichen, müssen wir nur die Fenster öffnen und die Luft von heute hereinlassen. Ich finde es unglaublich, wie modern und heutig die Texte von Shakespeare, beispielsweise aus dem Hamlet, in diesem Theater klingen.

Goethe sagt: „Man weicht der Welt nicht sicherer aus als durch die Künste. Und man verknüpft sich nicht sicherer mit ihr als durch die Kunst.“

Hier also werden Identitäten geschaffen und nicht durch den Geldmarkt. Kunst, Literatur, Musik, gutes Theater sind ein Geschenk an die Menschheit, es sind Herausforderungen, denen sich der Zuschauer stellen kann.

Die Kunst kann nicht nur Fragen stellen, sondern auch Hinweise geben auf eine andere Art der Erkenntnis. Wie heißt es im Hamlet: „Es gibt noch mehr im Himmel und auf Erden, als deine Weisheit sich erträumt!“ Das heißt: Es gibt offensichtlich noch andere Formen der Wahrnehmung - jenseits der Texte. Auch das kann Theater leisten. Es geht in der Kunst nicht um simple, knappe Antworten, sondern um die Entfaltung und Vertiefung von Wahrheiten, um die Facetten und die Möglichkeiten unseres Lebens verstehen zu können.

„Das Kunstwerk ist ein organisierter Traum.“ (Georgy Konrad)

Ich kenne kein Theater in Deutschland, das sich so zum Publikum hingewendet, so geöffnet hat wie das Bochumer Schauspielhaus. Es gibt eine unverstellte Nähe, die aber nie ihr Geheimnis verrät und ins Private überspringt.

Es gibt keinen größeren Respekt vor dem Publikum als es ernst zu nehmen in seinem Anspruch auf Qualität. Und hier befinden wir uns heute im Schauspielhaus Bochum: Wir tun alles dafür, um auf der Höhe der Zeit und der Möglichkeiten zu sein.

Und es lohnt sich, denn ich weiß, im Revier liegen Goldadern vergraben. Nicht umsonst war dieses Theater mit diesem Publikum ein Magnet für viele Zuschauer aus der ganzen Welt. Und dieses Grubengold, diese Leidenschaft für das Theater, kann gehoben werden. Bochum ist eine Theaterstadt.

Deutschland läuft Gefahr eine der rückständigsten Republiken in Europa zu werden.

In vielen Entwicklungen hängen wir hinterher: Fragen der Bildung, Verkehrswesen, Digitalisierung, Klimaschutz, Fragen der Solidarität, denn kaum jemand übernimmt wirklich eine Verantwortung für die Dinge, die getan werden müssen. Und nun krabbeln aus den verwahrlosten Ecken der Republik die Nazis wieder hervor. In Teilen unserer Republik gibt es einen Rückfall in die Barbarei. Und die ist wieder gesellschaftsfähig.

Die Politiker sollten nicht nur ihre nicht mehr zu erreichenden Wahlergebnisse vor Augen haben, sondern die Menschen, die hier leben, mit all ihren Nöten und Bedürfnissen.

Und ich wage mal die These: Nazis sind keine Theaterzuschauer.

Deshalb müssen wir die Theater in ihrer künstlerischen Freiheit schützen vor den auf uns zurollenden Einmischungen der Mitsprache durch die AfD, die unsere Kunst „deutschmöglich“ machen will. Die Kunst und die Theater müssen frei bleiben vor kulturpolitischen Einmischungen. In Stuttgart beispielweise hat die AfD angefragt, ob denn im Staatsballett so viele Tänzer mit Migrationshintergrund arbeiten müssen.

Wehret den Anfängen der Rückschritte.

Dieses Theater jedenfalls hat die Menschen, die zu uns in die Vorstellungen kommen und auch die, die noch nicht da sind, im Blick. Hier im Schauspielhaus Bochum findet jeden Abend eine vitale, vielfältige Auseinandersetzung mit den Themen unserer Zeit statt: gesellschaftliche, politische, künstlerische, kulturelle und menschliche.

Und immer in der Jetztzeit, in der Gegenwart unserer Zeit und in der Gegenwärtigkeit des Spiels. Immer miteinander, immer füreinander.

Stellen wir uns für eine Sekunde die Stadt Bochum ohne sein Schauspielhaus vor.

Ohne diesen Ort des Spiels.

Ohne seine Geschichte.

Ohne seine Gegenwart.

Ohne dieses Ensemble.

Ohne die Lebendigkeit, die von diesem Ort ausgeht.

Ich kann es mir nicht vorstellen.

Die Kultur und die Kommunikation bringen uns zusammen.

Das Bochumer Schauspielhaus lebt und ich bin sehr stolz darauf, ein Teil davon zu sein.

Ich danke Ihnen für diese wunderbare Auszeichnung, die ich an dieser Stelle meinem Vater widmen möchte, der mich hierher nach Bochum und in dieses Theater gebracht hat.

Stefan Hunstein, 08.11.2019

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