Als wir nach unserem letzten kurzen Gespräch – vergangene Woche war es nach der „Iphigenie“-Vorstellung – hier gleich nebenan das Restaurant verließen, blieb Svetlana Belesova vor dem Ausgang auf einmal stehen und blickte in ein Regal: da stehe ja ein Samowar, sagte sie. Und ihre Augen leuchteten.

Nun ist die junge Frau nicht etwa ausgesprochen nostalgisch angehaucht, hängt auch wirklich keiner verstaubten Romantik nach. Aber dieses glänzende Gerät zur Aufarbeitung starken Tees, den man in warmen Stuben an kalten Abenden trinkt, weckte dann wohl doch Gefühle in ihr – Heimatgefühle könnte man die nennen, Erinnerungen mögen sich eingestellt haben an das Zuhause auf der Krim, wo Belesova geboren wurde, die sie mit 19 Jahren verließ. Mitten in Bochum aber war da plötzlich ein bislang gar nicht wahrgenommenes Stück Vergangenheit. Nicht nur selber erlebte, sondern auch diese andere, die gespielte, die in Texten russischer Schriftsteller nachzulesen ist, die auf der Bühne nachgestellt werden kann.

Und ich dachte an unser erstes Gespräch, in dem Svetlana Belesova meinte: Tschechow, natürlich! Sie würde gerne einmal Tschechow spielen. Und sie blickte in eine Ferne und man fühlte: da spiegelt sich Sehnsucht. Für ein Vorsprechen hatte sie sich mal den Schlussmonolog der Nina aus der „Möwe“ erarbeitet, den Text zweisprachig, Russisch und Deutsch, eingeübt. Das war durchaus außergewöhnlich, aber es überzeugte. Sicher auch, weil diese Nina soviel Svetlana war – und umgekehrt: das Suchen nach einem Halt, einem Zuhause, der Drang zur Bühne, der lange, verzweigte Weg, der hinter der Figur Nina und der wirklichen Person Svetlana liegt. Und Svetlana ist Russin von Geburt. Wie die Nina.

„Ich bin wirklich eine Schauspielerin, ich spiele mit Genuss, mit Hingabe, berausche mich auf der Bühne und fühle mich gut,“ sagt diese Nina und Belesova bekam damals das Engagement, ihr erstes festes überhaupt. Es ging zwar nicht „Nach Moskau!“, doch es ging nach Bochum. Zu Johan Simons und zu einem völligen Neuanfang in einer alten Theaterstadt, mit der die Schauspielerin langsam warm wird. Man könnte also weiter die Nina zitieren: „Und seit ich hier bin, gehe ich zu Fuß, gehe und denke, denke und spüre, wie mit jedem Tag meine seelischen Kräfte wachsen...“

Gewachsen in dieser Zeit ist auch die Schauspielerin Svetlana Belesova. Dabei hatte sie Zweifel am Anfang. Während ihre Kollegen von der Schauspielschule sich die Hacken abliefen und zum Vorsprechen durch die ganze Republik fuhren, wusste man nicht so recht, was man mit ihr anfangen sollte. Sie gehöre eigentlich an ein „großes Haus“, meinte man und schätzte sie als eine ein, die, egal wo sie ist, sofort die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Die Geduld zahlte sich aus. Johan Simons und Dramaturg Vasco Boenisch waren so überzeugt von ihr, dass sie sie – erst einmal warten ließen. Ein Jahr lang bis zum Bochumer Start überbrückte Belesova in Nürnberg, war hier in kleineren Produktionen in der Box zu sehen, spielte das Mädchen in „Draußen vor der Tür“, das Lämmchen in „Kleiner Mann – was nun“, in der „Textil-Trilogie“ von Volker Schmidt.

Sie fiel auf: eine große, schlanke junge Frau mit einem wachen, irgendwie stets suchenden Blick auf der Bühne, energisch, wuselig, plötzlich versunken in sich, zweifelnd, abwägend. Natürlich fiel sie auch noch aus einem anderen Grund sehr auf und der hat nun sicher etwas mit dem „Speziellen“ zu tun, das man ihr nachsagt. Svetlana Belesova hat nun mal keine Haare auf dem Kopf. Links auf dem kahlen Schädel sieht man nur ein züngelndes Tattoo, „eine Verzierung“, wie sie sagt, keine Verkleidung. Man muss darüber sprechen, wenn man ihr begegnet („Haare variabel“, steht in ihrem Profil), und sie selber ist offen, ohne damit zu kokettieren. Dazu ist die Geschichte zu ernst.

Es handelt sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der die Antikörper, die eigentlich Fremdkörper oder Krankheiten bekämpfen, fehlgesteuert sind. Die denken nun, die Haare wären der Fremdkörper und sie greifen sie an und zerstören sie. So, wie manchmal Implantate abgestoßen werden, so werden im Prinzip die Haare bei ihr abgestoßen; eine genetische Fehlsteuerung und man kann es nicht ändern. Angefangen habe das noch kurz vor der Schule, erklärt Belesova, da war sie sechs oder sieben, und es ist im Verlauf der Jahre immer schlimmer geworden. Was macht das mit dem Kind? Es sei furchtbar gewesen, führte dazu, dass man sich unsicher fühlt. Natürlich: Kinder, die verstehen es überhaupt nicht, die sind brutal und wenn man anders ist als die Mehrheit, dann wird man ausgelacht, hat keine Freunde: „Es ist nicht schön,“ sagt sie.

Dass sie heute so natürlich und selbstverständlich damit umgeht, soll auch ein Beweis dafür sein, dass man mit allen Unwägbarkeiten des Lebens fertig werden kann, wenn man sie bewusst angeht. Und es soll Mut machen all denen, die mit ähnlichen Problemen zu tun haben. Nicht viel anders war das mit der Sprache. Das glasklare Deutsch musste die Russin erst lernen, in Einzelstunden, mit Phonetik-Spezialisten, mit Trotz auch. Denn nach Deutschland wollte sie unbedingt, weil sie hier mehr Chancen für sich sah. Auch wenn sie heute sagt, sie fühle sich immer noch russisch. Sie hatte eine Phase der Verleugnung, wo sie nichts mit Russland, mit der Sprache mehr zu tun haben wollte. Vor zwei, drei Jahren aber habe sie plötzlich Lust bekommen habe, wieder russisch zu lesen, sich wieder damit auseinanderzusetzen.

Ihre erste Bochumer Rolle war in dem Kinderstück „Alle Jahre wieder“, ein launiges Kaleidoskop der Feierlichkeiten unterschiedlicher Völker und wie sich das Anderssein unter einen Hut bringen lässt. Belesova wirbelt da in den ulkigsten Verkleidungen über die Podien, darf sogar mal „russisch“ sein und erzählt dabei doch auch eine Menge über sich selber, über ihr Ankommen und Dazugehören, über die Fremde und das kleine Glück, zu einer Gemeinschaft zu gehören. Man sieht eine unheimlich agile, spielfreudige Frau, die Blödsinn machen und nachdenklich sein kann, natürlich und herrlich kapriziös, die ohne Scheu auf ihre kleinen Zuschauer zugeht und ihnen die Furcht vor dem Theater nehmen will: das Wichtigste, heißt es in der „Möwe“ sei nicht der Ruhm, der Glanz...

Es gibt wohl keinen größeren Kontrast zu der nächsten Rolle, in der man hier die neue Schauspielerin sah: vom Kinderstück zum Marquis de Sade – ein unheimlich harter Schnitt. Belesova aber ist auch da in ihrem Element, der Kunst der Verwandlung, ist eine der obskuren Figuren in „Die Philosophie im Boudoir“, jenen Dialogen um Obszönität und Auflehnung gegen bürgerliche Moral, die Herbert Fritsch als knalligen Abgesang auf eine zutiefst verlogene Gesellschaft auf die Bühne gebracht hat. Während sie in dem Kinderstück von Weihnachtsfesten und orthodoxem Neuem Jahr munter erzählt, führt sie nun permanent Sätze im Mund, die gemeinhin als unaussprechlich gelten. Von „O Du Fröhliche“ zum „Ficken“ ist es nicht nur sprachlich ein weiter Weg – Belesova, bei Fritsch in schillerndes Phantasie-Outfit gewandet und mit einer kecken Selbstverständlichkeit das geile Wort führend, nimmt es mit berufsbedingtem Gleichmut: sie habe es gerne so – je unterschiedlicher, desto besser. Genau so radikal.

Auch als „Iphigenie“ muss sie mit den Diskrepanzen und Widersprüchen leben. Als klassische Figur, die wie staunend und in sich verschlossen erfahren muss, wie über ihr Leben und vor allem Sterben bestimmt wird, steht sie hier lange Zeiten am Rand der Bühne und sieht und hört, wie ihre Sache, die da verhandelt wird, eigentlich kein Ende findet, wie die Probleme, aus der Antike verschleppt ins Heute, bleiben, sich zuspitzen. Die „modernen“ Texte der Elfriede Jelinek, die Regisseur Dusan David Parizek ungeheuer geschickt in den Euripides eingearbeitet hat, saugt sie auf, als könnten sie ihr das eigene Schicksal erklären. Und sie merkt, dass die Welt im Inneren noch immer die Gewalt auf eine unerklärliche, dumme, verzweifelt machende Art zusammenhält, obwohl sie deshalb doch eigentlich bersten müsste: „Ja, die Masse ist ein schreckliches Übel“, heißt es einmal in „Iphigenie“ und Belesovas „Iphigenie“ hockt einsam an der Rampe, wendet sich ab von ihrem Spiegelbild, von ihrem Leben. Wofür, für wen ein Opfer bringen, Opfer sein?

Das ist die Kunst der Svetlana Belesova: spürbar, erfahrbar zu machen, dass man alleine ist in dieser Welt, und doch diese Visionen noch zu haben, ausbrechen zu wollen aus allem, was einen beengt und bedroht. Sich aufraffen und scheitern, fallen und aufstehen. Vielleicht – nein: sicher geht das nur mit diesem Funken Sehnsucht, der in der Schauspielerin glimmt, die, wenn sie das Mögliche im Unmöglichen spielt, auf der Bühne zu leuchten beginnt.

Man muss ihr dann in die großen Augen schauen und sieht diese pure Emotion. Wie letzte Woche, als sie den Samowar hier nebenan in der Nische erblickte...

Bernd Noack, 08.11.2019

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