Ein Neuanfang. Theater ist die Möglichkeit, eine Wahrheit zu entdecken, von der man nicht schon von seinen Eltern und nicht in der Schule gehört hat. Diese Wahrheit des Theaters ist eine fiktive Welt, ein fiktives Leben. Fiktion ist kein Fake, sondern eine potenzielle Wirklichkeit.

Je länger ich in Deutschland bin, umso mehr merke ich, dass die Diskussion um Wahrheit eine immer größere Rolle spielt. „Wer hat Recht?“, wird oft gefragt. Als könnte es nur eine Wahrheit geben. Eine einzige Wahrheit verspricht Sicherheit und Stabilität für manche. Aber eine einzige Wahrheit schließt viele andere Wahrheiten aus. So ging es mit der Religion, der Kultur, der Nation, der Hautfarbe und der Liebe. Macht zerstört Wahrheit, lautet ein Sprichwort. Ich denke: Macht bringt Wahrheit auch hervor. Wenn die Machtverhältnisse sich ändern, treten auch neue Wahrheiten zutage.

Heute zerbricht die Idee von Einheit. Wir lassen das Einheitliche hinter uns. Es beginnt etwas Neues. Jetzt kann es um die Vielheit gehen. In der Vielheit geht es nicht um ein „entweder ... oder“. In der Vielheit geht es um das „und ... und ... und“. Die Vielheit kann ein Reichtum sein.

Manchmal ist das schwierig in Deutschland. Man erkennt hier manchmal die Nuancen nicht. Die Diskussionen werden dann sehr verbissen geführt. Und ohne Humor. Vielleicht nehmen wir Niederländer*innen manche Dinge leichter, auch leichter mit Humor. Gerade in schwierigen Zeiten sollte man als letztes den Humor verlieren.

Was mich an Bochum und am Ruhrgebiet anzieht, ist die von alters her offene Kultur. Das Aufeinanderhören, das Einanderverstehenwollen. Man fuhr als Bergarbeiter miteinander in die Erde ein, und der Gruß war: „Glück auf!“ Man sah das Tageslicht nur wieder, wenn man eine große Solidarität füreinander entwickelte. Sonst kam man nicht mehr nach oben. Und wie viele Nationalitäten und Glaubensrichtungen tummeln sich im Ruhrgebiet! Unter anderem dank dieser Geschichte. Dank einer Geschichte von Einwanderung und Zusammenhalt. Einer Kultur der Offenheit.

Viele Industrien sind aus Bochum verschwunden: der Bergbau, dann Opel, dann Nokia, dann noch mal Opel, endgültig. Aber diese vitale Mentalität der Bewohnerinnen und Bewohner ist geblieben. Sie versuchen, nicht ihren Humor zu verlieren, und machen sich auf in eine neue Zeit.

Ich möchte gerne ein Teil davon sein. Ich will gerne mitbauen an einer neuen Zukunft. Ich möchte am Schauspielhaus Bochum ein Programm zeigen, das mit mir und Dir zu tun hat. – Die Niederländer duzen gerne. Das wirkt manchmal unhöflich, aber für mich ist es eine Geste, auf Augenhöhe miteinander zu sprechen. Lasst uns „Du“ sagen zueinander.

Ich kenne Eure Wahrheiten noch nicht und Ihr nicht meine. Aber ich freue mich darauf, wenn das Schauspielhaus Bochum ein offenes Haus wird. Offen für viele Kulturen. Und viele Wahrheiten. Offen für Dich und mich. Für uns.

Johan Simons
Intendant
Bochum, im Juni 2018

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