AUFBRUCH UND NEUE VIELFALT
AM SCHAUSPIELHAUS

In Bochum steht ein Schauspielhaus. Groß und stolz. Das schönste Theater der Welt, sagt man in Bochum. Die Adresse ist fürstlich: Königsallee. Der Eindruck von außen: ein Schiff, abfahrbereit der Stadt entgegenblickend.

Seit jeher bedeutet die Bühne die Welt, und deshalb soll die Welt auch hinein in dieses Theater. Sie darf es sprengen, ausdehnen, bis sich die weißen Säulen am Portal biegen, so wie in unserem neuen Signet: die Welt im schönsten Theater der Welt, zu Hause. Und umgekehrt auch: ein Theater, das sich den Fragen der Welt stellt.

Aufbruch und neue Vielfalt verspricht die Spielzeit 2018/2019. Ein Aufbruch von sattsam bekannten Sichtweisen und Konventionen. Und ein Aufbruch in eine neue Zeit für das Schauspielhaus Bochum, in der kulturelle, politische und soziale Vielfalt sein Gesicht prägen – so, wie sie es mit der Welt ja auch tun und mit unserer Heimat, dem Ruhrgebiet.

Wir haben uns einiges vorgenommen:
Wir werden das Schauspielhaus Bochum um neue Kunstrichtungen erweitern.
Wir werden die Genres miteinander verbinden. Wir werden Nationalitäten und Sprachen variieren. Wir werden neue Orte bespielen – im Theaterund außerhalb.
Wir werden kostenlose Angebote machen für alle. Wir werden weniger produzieren und mehr in die Tiefe investieren.

Das Schauspielhaus Bochum soll ein Repertoire- und Ensembletheater sein in seiner modernsten Form. Bildende Kunst und Theater begegnen sich, genau- so wie Philosophie, Pop-Musik und internationale Künstler*innen.

Wir sind davon überzeugt, dass es das geben kann: ein Ensembletheater, das sich verbindet mit den aktuellen Tendenzen von zeitgenössischem Tanz, von Bildender Kunst, freier Theater- und internationaler Musikszene sowie politischem Diskurs – ohne sich zu verlieren in Kleinstprojekten. Die eigene Identität neu erfinden und erweitern.

Das ist der Kern: unser Ensemble. 28 Schauspielerinnen und Schauspieler mit kulturellen Einflüssen aus Thüringen und Bayern, Berlin und China, aus den Niederlanden, der Türkei, Belgien, Baden-Württemberg, Estland und Surinam, Nordrhein-Westfalen, der Krim, der Schweiz, Marokko und Kenia. Manche von ihnen sind in Bochum geblieben. Manche kehren zurück. Manche kommen zum ersten Mal hierher. Reisende, Ankommende, gemeinsam Aufbrechende. Wie hat es eine junge Schauspielerin formuliert, gefragt, was sie mit Bochum assoziiere: „Ich denke, dass Bochum für mich gerade so ein bisschen ist, was New York für Frank Sinatra war.“

Wir sprechen Deutsch. Und übertiteln in Englisch für unsere Gäste. Und manchmal sprechen wir auch nicht Deutsch, vielleicht weil wir es nicht können oder weil andere Sprachen zu hören heutzutage notwendig ist, und dann übertiteln wir in Englisch und Deutsch. Und manchmal sprechen wir auch Deutsch mit einem Akzent. Und dann hören wir, wie vertraut und fremd zugleich unsere Sprache klingt, und erleben, wie Austausch ganz real funktionieren kann, denn die Bühne ist auch ein realer Ort, und die Menschen, die dort spielen, sind auch reale Personen mit Biografien, die sie mit sich tragen und die sie reich machen.

Indem wir das Schauspielhaus Bochum zu einem Ort unterschiedlicher Künste und Reflexionsräume machen, sprechen wir eine Einladung aus an Menschen mit sehr unterschiedlichen Interessen, den Ort als ihren Ort zu entdecken. Die Spartenvielfalt folgt einer klaren Idee: Keine andere Kunstform als das Theater vereint in sich sämtliche anderen Gattungen, speist sich, inspiriert sich, paart und kreuzt sich aus, von und mit Tanz, Bildender Kunst, Musik, Philosophie. Es lohnt sich, diese Elemente auch einzeln zu reflektieren.

Neu am Schauspielhaus Bochum sind daher ab sofort ein eigenes Konzertprogramm auf allen Bühnen des Hauses und ein neuer Raum für installative Kunst: das Oval Office. Ein Beton-Oval mit benachbarter Bar im Keller des Theaters. Zwei bestehende Räume vereinen sich zu einer neuen Institution: Aus Eve Bar und Theater Unten wird Oval Office – der Brost- Stiftung sei Dank. Künstler*innen von Weltrang, u. a. Kurt Hentschläger und Tianzhuo Chen, zeigen hier ihre Werke, und zwar für alle: täglich geöffnet und bei freiem Eintritt. Etwas Vergleichbares gibt es an keinem anderen Theater.

Es gibt noch einen weiteren neuen Ort für das Schauspielhaus, der tatsächlich eine alte Bekannte ist: die Zeche Eins. In den frühen Neunzigern beheimatete die einstige Waschkaue in der Prinz- Regent-Straße das zum Schauspielhaus gehörende Tanztheater von Reinhild Hoffmann. An diese Tradition anknüpfend, wird die Zeche Eins wieder zu einem ganzjährigen Produktions- und Spielort des Schauspielhauses. Regisseur*innen wie Benny Claessens, Florian Fischer und Liliane Brakema können hier ihre künstlerischen Ideen in mehrmonatigen Probenprozessen entwickeln.

Ein neues Theater braucht auch neue Produktionsbedingungen. Wir wollen weniger produzieren, stattdessen auch längere Probenzeiten ermöglichen. Für die erste Saison sind 17 Theater-Neuproduktionen geplant. Andere Bühnen liegen weit darüber. Dazu kommen einzelne Übernahmen, die Medienkunst und die Konzerte sowie Lesungen und neue Diskursformate, bei denen wir mit Persönlichkeiten wie Norbert Lammert, Sonia Seymour Mikich und Philipp Blom politische Debatten anders beleuchten wollen. Still soll es hier nicht sein.

Die Stoffe, die wir für diese erste Saison ausgewählt haben, folgen den Themen, die uns heute bewegen. Von großen Religionskonflikten und globalpolitischen Brandherden bis hin zum Alltag in dieser, unserer Stadt Bochum. Von Digitalisierung bis Diskriminierung – und spielerischen Strategien, damit umzugehen.

Dabei ist es uns wichtig, nicht in Zynismus zu verfallen, so leicht das heute auch wäre. Mit einem großen humanistischen Weltstoff wird Johan Simons das Theater eröffnen: Lion Feuchtwangers Die Jüdin von Toledo. Die dort verhandelte brüchige Koexistenz der drei Weltreligionen wird im Verlauf der Saison gespiegelt vom eher fatalistischen Weltbild Michel Houellebecqs, dem Johan Simons mit befreiendem Humor begegnet. Die Romanadaptionen Plattform und Unterwerfung lassen sich in Bochum auch als Fortsetzungsgeschichte sehen: Westliche Übersättigung trifft auf Terror und verführerisches Charisma des politischen Islam. 

Die Spielzeit spinnt Verbindungslinien, um zu kontextualisieren und Blickwinkel zu variieren – und bringt dabei unterschiedliche, profilierte Regiehandschriften nach Bochum. Mit einer Neuinterpretation von Euripides’ Iphigenie zeigt der tschechische Regisseur Dušan David Pařízek die Vorgeschichte, die später zur Rachespirale der ORESTEIA des Aischylos führt – in der Neuadaption des Schweizer Theatermachers Milo Rau verlängert bis in die Kriegsgebiete des IS.

Rache, Täter, Opfer: Diese engen Denkmuster begegnen uns heute mehr denn je. Daraus auszubrechen, ist Ziel der Kunst. Johan Simons sucht nach neuen Schattierungen jenseits von Gut und Böse in Kleists Penthesilea und Shakespeares Hamlet. Das berühmteste aller Dramen erzählt auch die aktuelle Tragödie des aufgeklärten Westens: Hadern oder Handeln angesichts politischer Demagogen?

Neben der Neubefragung großer Klassiker entstehen viele Stücke im Prozess und zusammen mit unserem Ensemble. Benny Claessens eröffnet die Zeche Eins mit einem Abend zum postindustriellen und postkolonialen Diskurs: White People’s Problems / The Evil Dead. Julia Wissert fantasiert eine Welt mit mehr People of Colour als Weißen: 2069. Und Hannah Biedermann macht aus dem Familienstück ein Familienritual für alle Generationen und Kulturen – auch das Junge Schauspielhaus geht künstlerisch neue Wege.

Bespiel mal Bochum! heißt programmatisch ein weiteres Projekt. Die Stadt wird Bühne. Und sie kommt auf die Bühne: Björn Bicker schreibt für uns ein Stück über das wahnwitzige Arbeitsleben von Lehrer*innen, uraufgeführt im Stadtraum. Und mit Lies Pauwels’ Der Hamiltonkomplex werden dreizehn 13-jährige Mädchen aus dem Ruhrgebiet (und ein Bodybuilder) die Kammerspiele eröffnen.

Die Kammerspiele werden zum Ort für besondere Theaterprojekte, die wir en suite, also nur für begrenzte Zeit, in Bochum präsentieren. Die Choreografin Eleanor Bauer und der Komponist Chris Peck beschäftigen sich mit der Digitalisierung unseres Lebens und werden Publikum und Zuschauerraum in ein „dataistisches“ Cyber-Acapella-Musical involvieren. New Joy wird eine Kreation aus Tanz, Text, Musik – jenseits gängiger Genregrenzen. Dort bewegt sich auch Trajal Harrell, der gefeierte US-Choreograf, der sich so in das markante Foyer des Schauspielhauses verliebt hat, dass er hierfür eine Séance de travail inszeniert.

Leidenschaft – ohne die geht es in Bochum nicht. Als Künstler*in bekennt man sich zu diesem Ort. So wie Herbert Fritsch, der zukünftig am Schauspielhaus arbeiten wird. Der Kultregisseur wagt sich an die lüsterne Philosophie im Boudoir des Marquis de Sade: eine Radikalkur fürs menschliche Vorstellungsvermögen. Wobei Fritsch immer auch eine Radikalkur fürs konventionelle Theaterspiel ist. Der Marquis de Sade kehrt schließlich in Peter Weiss’ Psychiatrie-Drama Marat / Sade zurück, mit dem das Künstlerkollektiv Monster Truck die revolutionäre Kraft des „Irrsinns“ in einer Welt, der jeder Sinn verlorengeht, befragt.

Manchmal können das Theater und die Kunst besser von der Welt erzählen als die Welt selbst. Weil Kunst Erlebnisse schafft jenseits des Sagbaren, Darstellbaren. Das muss man verteidigen – und ausschöpfen. Wir werden das Theater feiern mit Aufführungen wie Herbert Fritschs psychedelischem Slapstick-Meisterwerk Murmel Murmel, mit Stephanie van Batums mitreißender Lecture Performance Don’t Worry Be Yoncé – und auch ganz konkret mit dem Liederabend der Saison, den wir den 100 Jahren Bochumer Schauspielhaus widmen: O, Augenblick.

Verweile doch – Augenblick. Verweile, Welt.

In Bochum.
 

Vasco Boenisch, Chefdramaturg

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