Wie verändern sich durch die Pandemie und ihre Folgen die kreativen Möglichkeiten und der Anspruch an Theater? Fragen an Künstler*innen des Schauspielhaus Bochum
 

Welche Räume braucht das Theater jetzt?
Johannes Schütz

Wir befinden uns nicht in einer Übergangsphase. Die vergangenen 500 Jahre zeigen, dass die Geschichte der Krankheiten immer auch soziales Verhalten und kulturelle Gepflogenheiten verändert hat. Nach dem Virus ist vor dem Virus, deshalb wird man an Versammlungsstätten andere Hygieneansprüche stellen als bisher. Man kann das Theater aber nicht an eine virtuelle Präsenz delegieren, es braucht die Realpräsenz einer Gruppe Menschen, die zuguckt, wie eine andere Gruppe von Menschen etwas vorspielt. In der Neuzeit ist Theater dabei zu einer Innenraumveranstaltung geworden. Der fokussierte Blick der Zuschauenden durch ein Loch in der Wand, genannt Portal, wird aber schwierig aufrechtzuerhalten sein. Wenn sich Krankheiten durch Atemluft übertragen, wird eine Theaterarchitektur zum Problem, die sich einachsig auf die Bühne ausrichtet, während im Zuschauersaal möglichst geschickt auf engem Raum möglichst viele Menschen sitzen. Wir können nicht warten, bis die Theater umgebaut werden, sondern müssen jetzt im laufenden Betrieb formale Alternativen erforschen. Dabei muss das Ziel sein, dem Publikum das Gefühl zu geben, gemeint zu sein – und nicht in einem schlecht besuchten Saal zu sitzen. Ein Gedanke wäre es, in diesem Innenraum ein künstliches Draußen zu erzeugen, das dann die kleine Gruppe in dem großen Raum begründet. Ich denke auch an Publikumswanderungen, die kleine Gruppen an verschiedene Orte führen, Theater als eine Art Skulpturenpark. Im Ansatz so, wie Sandra Hüller in Hamlet in der Pause während Hamlets Englandreise auf der Bühne bleibt, als eine fast skulpturale Performance. Oder man kann daran denken, die architektonischen Sichtachsen zu verändern: das Publikum in vier Richtungen anzuordnen, mit der Bühne in der Mitte. In unserem Alltag sind wir es ja auch gewohnt, an einem Tisch zu sitzen und von vier Seiten auf eine Präsentationsfläche zu schauen; diese Form könnte als Podest oder Plateau auch für Theater spannend sein. Dann gäbe es kein Backstage mehr; denn an allen Seiten säßen Zuschauer*innen. Generell sollten wir darüber nachdenken,  Publikum auch auf diesen großen Bühnen sitzen zu lassen. Wir müssen die Menschen durch andere Raumaufteilungen stärker mitnehmen. Das Neue als ein Gewinn, nicht als Kompromiss oder Verwaltung von Missständen.
 

Wird Theater unpersönlicher?
Lies Pauwels

In der Corona-Diskussion sprechen wir hauptsächlich über praktische und finanzielle Lösungen und Einschränkungen. Diese Regularien beeinflussen und formen auch die Kunst. Hoffen wir, dass das Theater immer Herr seiner eigenen Regeln bleibt. Wir dürfen uns nicht von uns selbst als Menschen entfremden. Theater ist für mich ein Rahmen – nicht nur für das Rationale, sondern auch für alles, was wir nicht wissen: ein Umkreisen von Ängsten, irrationalem Verhalten, Bewusstlosigkeit, Trost. Die Frage ist: Werden uns die neuen Umstände davon abhalten, Risiken im Theater einzugehen? Wie können wir zum Beispiel den Mut aufbringen, Grenzen zu überschreiten, wenn wir uns nicht nah sein können? Wenn wir uns nach dem Überschreiten der Grenze nicht gegenseitig trösten können. Nichts ist so vertrauensvoll, als zu wissen, dass die Kolleg*innen in der Nähe sind, wenn man in die Tiefe springt. Ich arbeite oft mit nichtprofessionellen Darsteller*innen zusammen, bei denen es sich um seelisch verletzliche Menschen handelt. Man kann nicht davon ausgehen, dass sie Vertrauen gewinnen, nur indem man ihnen sagt, dass sie es tun sollen (und sicher nicht aus einer meterweiten Distanz). Vertrauen lässt sich nicht erzwingen. Vertrauen zu finden ist eine sehr komplexe Sache! Aber in meinen Augen auch eine der schönsten Eigenschaften von Theater, wenn man die Chance hat, sich damit auseinanderzusetzen. Ich kann mir nicht vorstellen, mit solchen Darsteller*innen zu arbeiten ohne Umarmungen, das Trocknen von Tränen, das Händehalten, das Streicheln von Gesichtern. Es würde sich wie ein Mangel an Menschlichkeit anfühlen, es nicht zu tun. Man kann niemanden vor dem Ertrinken retten, indem man nur von der Seitenlinie aus Anweisungen gibt; manchmal muss man ins Wasser springen. Vertrauen hängt auch von verschiedenen Arten der Kommunikation ab. Bei menschlichem Kontakt ist körperliche Berührung genauso wichtig wie Sprech- oder Augenkontakt. Es gibt einen Grund, warum Schauspieler*innen viel kuscheln und küssen. Auf diese Weise können viele Informationen weitergegeben werden: eben wenn Worte versagen. Oder wenn wir mit dem Reden fertig sind, aber noch viel zu sagen hätten. Oder weil wir es vorziehen, nicht auszusprechen, was wir zu sagen haben. Oder wenn das, was wir  ausdrücken wollen, nicht in Worte gefasst werden kann … Ich denke, dass es ein Theater mit starken formalen, vorgefertigten Ideen in der aktuellen Situation leichter haben wird als ein Theater, in dem die Dinge eher intuitiv und persönlich entstehen.
 

Wie geht kontaktloses Schauspiel?
Martina Eitner-Acheampong

Kontaktlos ist das Schau-Spiel nie: Eine*r schaut, Eine*r spielt. Oder Einige schauen, Einige spielen. Oder, hoffentlich irgendwann wieder: Viele schauen! Auf Einiges! Das Schauen und das Fürjemanden- Spielen ist Kontaktaufnahme. Selbst bei einem Monolog ist zwar der/die Schauspieler*in scheinbar mit sich allein, in Wahrheit aber immer im Kontakt, mit sich selbst und mit dem Publikum. Dies macht für mich Kontakt aus: eine Spanne der „Berührung“ zwischen mindestens zwei Wesen. Nun muss die Berührung nicht unbedingt körperlich sein! Haben Sie schon einmal im Rücken gefühlt, dass jemand Sie anschaut? Auch das ist Kontakt. Oft erhöht sich die Spannung, wenn sich die Distanz vergrößert. Mehr Energie, mehr Senden. Deshalb erzählen Arrangements und Distanzen auf der Bühne, wie im Leben, viel über die Verhältnisse zwischen den Beteiligten. – So weit Theoretisches. Wie nun aber ganz praktisch mit der Kontaktsperre umgehen? Noch haben die Proben nicht begonnen. Die Begegnung mit einem Stück, einem Text ist für mich gemeinsame Erforschung. Da hinein schmiegt sich hoffentlich die neue Körper-Kontaktlosigkeit – in das Ausloten der nun begrenzten Möglichkeiten, in die Suche nach der Kraft der Sprache, der Bilder, in das Zulassen des Ungewohnten, der Spielfreude in jedem Fall. (So oder so ähnlich ist es allerdings eigentlich immer zu Beginn der  Proben.) Und jede Begrenzung, Beschränkung kann die Fantasie entzünden. Den Willen zum Ausprobieren. Das Querdenken. Den Mut zur Hoffnung. Was wir für unser aller Situation gut brauchen können. Nicht nur auf der Bühne.
 

Muss Theater virtuell werden?
Wanja van Suntum

Theater kann und Theater sollte virtuell werden. Vielleicht ist es dann nicht mehr das bürgerliche Theater, das wir kennen. Aber die Kunstform Theater ist Jahrtausende alt, sie kann alles werden. Sie kann auch in einem Virtual-Reality-Chat stattfinden – oder findet vielleicht jetzt schon mehr dort statt als auf Theaterbühnen. Was wir aber nicht wissen, weil wir noch viel zu wenig wissen über Formen von Theatralität im Internet. Kommunikation im Netz geht oft mit Einsamkeit einher. In Verbindung mit Theater kann ein Raum entstehen, der das übersteigt und andere Formen von Digitalität ermöglicht: nämlich gemeinsam im Internet zu sein. Mein Vorschlag: Die Theater sollten sich noch stärker lokal definieren als Ort und Adresse für die Stadtgesellschaft. Und gleichzeitig mit Fenstern zu alternativen Welten wie Virtual Reality als neuer Spielwiese. Mit unserer Bochumer Produktion wollen wir so arbeiten: Vom Lokalen hinein ins Digitale! Ob die Stadttheater für die Virtualität gerüstet sind? Klar. Es gibt dort so viele begabte  Menschen, die in den verschiedenen Abteilungen wie Schauspiel, Technik, Kostüm, Maske, Dramaturgie usw. arbeiten, die oft auch Interesse an Digitalität haben. Aber sie zerreiben sich zwischen dem alten, kanonischen Auftrag und dem Anspruch, Laboratorium für Neues zu sein. Dieser Interessenskonflikt zeigt sich daran, dass für einzelne Vorhaben zu wenig Zeit und zu wenig Geld vorhanden ist. Man müsste etwas Bewährtes sein lassen, um etwas Anderes auszuprobieren. Der Schritt fällt den Theatern aber schwer, vor allem, weil von dem Neuen noch nicht sofort perfekte Ergebnisse zu erwarten sind.
 

Wie erzeugt man zukünftig im Publikum Gemeinschaftsgefühl?
Selen Kara

Wenn nach der Zwangspause Menschen endlich wieder ins Theater dürfen, selbst in geringer Zahl, wird sich ein Gemeinschaftsgefühl automatisch einstellen. Davon bin ich fest überzeugt. Denn das macht Theater ja so besonders: das Live-Erlebnis, der gegenwärtige Moment, in dem Spieler*innen und Publikum zusammenkommen. Noch sind wir auf Entzug. Aber wenn wir uns im Theater wieder treffen, wird trotz Abständen und Absperrungen Energie entstehen. Insbesondere wie ich die Bochumer*innen kenne. Ich lebe seit zehn Jahren in dieser Stadt, und die Menschen hier lieben ihr Theater, sie werden glücklich sein, wieder dorthin zu dürfen. Vielleicht wird die Energie intimer sein, das Bewusstsein füreinander ein anderes. Musik kann in jedem Fall das Gemeinschaftsgefühl verstärken; denn Musik öffnet für Menschen andere Räume und überbrückt Distanz.
 

Welchen neuen politischen Auftrag hat das Theater?
Manuela Infante

Um diese Frage zu beantworten, müsste ich unterscheiden: Welches Theater meinen wir? Wessen Theater? Und wo: in Deutschland?, in Chile? Ich finde, Theater ist nicht etwas, was deklamiert, sondern etwas, was denkt. Das Theater denkt – nicht mit dem, was es zu sagen hat, sondern mit seinem Körper. Es artikuliert einzigartige Vorstellungen von Zeit, Ort, Körper, Klang, ich, du, es usw., während es sich entfaltet. Im Moment wünsche ich mir, dass das Theater wieder zum Denken zurückkehrt. Ich möchte, dass es über das WIR nachdenkt. Über eine Vorstellung von einem WIR, das unter dem Schock dieser Krise und ihrer kriegerischen Rhetorik in gefährlicher Weise belebt wurde. Wir-Menschen gegen das Virus. Wir-Menschen als etwas, was sich von anderen Nicht-Menschen abgrenzt. WIR-Menschen als eine homogene Masse, die alle internen Kräfteunterschiede missachtet. Ja, „WIR stecken da zusammen drin, aber WIR sind nicht gleich!“, würde die Philosophin Rosi Braidotti sagen. Die Umstände, die einst zu massenhaftem Tod führten, waren immer das Ergebnis einer Tradition des WIR, das andere Menschen als „ES“ vertrieb, um sie „tötbar“ zu machen. Heute fühle ich mich verpflichtet, das Theater dazu zu bringen, wieder zu denken und dieses WIR aufzubrechen, zu entblößen, zu entwaffnen.
 

Wird Theater politische oder künstlerische Freiheit verlieren?
Dušan David Pařízek

Muss die Daseinsberechtigung von Theater, wenn es mal kurz aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeklammert wird, gleich grundsätzlich hinterfragt werden? Die Funktion von Theatern lässt sich nicht auf Zahlen reduzieren. In ihrer bloßen Existenz – und Unabhängigkeit (!) – spiegelt sich ihre politische und sozio- kulturelle Bedeutung für die Staaten Mitteleuropas, die sich den Kulturstaatsauftrag „auf die Fahne geschrieben“ haben. Theater geschieht nur im Augenblick. Was für ein Luxus. Im Idealfall verdichtet es die Gegenwart ins JETZT und HIER (inklusive einer Ahnung von Endlichkeit) – in ein von Ensemble und Publikum geteiltes Er-LEBEN. Wir finden uns momentan in einem Ausnahmezustand wieder. Reaktionen politischer Entscheidungsträger*innen fördern länderübergreifend einen Mangel an Visionen und – manchenorts – auch an grundlegendstem Anstand zutage: In militanten Worten wird einem Virus der Krieg erklärt und anhand von Statistiken belegt, welche Nation es noch schlimmer erwischt hat als die eigene. Wo nicht viel ist, muss auf Altbewährtes zurückgegriffen werden. Zur Kenntlichkeit entstellte Machthabende – Fratzen, die es zu porträtieren gilt! Kultur kann, Kultur muss Widerstand leisten. Theater, das Fragen stellt, ist ein Theater seiner Zeit. Es fordert sich und sein Publikum, kann Opposition sein – im besten Sinne des Wortes.

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