INTENDANT JOHAN SIMONS MACHT SICH IM AUFTRAG VON Theater heute GEDANKEN ÜBER DEUTSCHLAND ALS NEUE HEIMAT

Deutschland muss weniger deutsch werden. Das ist ein harter Satz. Vor allem, wenn er von einem Niederländer kommt. Ich meine das aber nicht arrogant. Ich meine das eher verführerisch.

Denn ich beobachte zwei Dinge. Heimat und Identität haben viel mit Sprache zu tun. Zum einen sind die Deutschen sehr tolerant, sie akzeptieren zum Beispiel, wenn ein Ausländer ein gebrochenes Deutsch spricht, so wie ich. In Frankreich wäre das ganz anders, dort würde man mich nicht so freundlich behandeln, auch nicht im Theaterbetrieb. Aber Deutsche haben eine Neugierde.

Auf der anderen Seite: Als ich noch in München arbeitete, an den Münchner Kammerspielen, und im Fernsehen die Nachrichten schaute, sah ich Barack Obama sprechen – aber hören konnte ich ihn nicht. Dabei hat Obama eine unfassbar schöne Stimme und eine sehr gute Diktion. Aber das hat man nie gehört, weil immer eine deutsche Stimme da war, die es übersetzte.

Über fremde Sprachen kann man die Seele der Menschen kennen lernen. Vielsprachigkeit ist wichtig. Was ist schlimm, wenn man einander erst mal nicht versteht? Wenn man einander mit Körpersprache klarmachen muss, was man meint? Für mich ist der Reichtum Europas ein Reichtum von Sprachen. Und nicht nur Europas. Wir müssen die Vielfältigkeit der Welt akzeptieren – und stimulieren. Nicht nur Ibsen ist eine Bereicherung meiner Kultur – und ich frage: Hätte es Ibsen gegeben, wenn es die norwegische Sprache nicht gäbe!? Nein, auch Menschen aus Syrien, aus dem Irak, dem Iran bereichern unsere Kultur.

Aber wie gehen wir mit ihnen um? Und was kann ich lernen zum Beispiel von jemandem aus dem Iran? Die Freundin meines einen Sohnes kommt aus einer iranischen Familie. Im Iran sind Familienbande viel wichtiger als bei uns. Wenn dort ein Gast in die Familie kommt, erhält der Gast alle möglichen Ehrbezeugungen. Bei uns ist es dagegen so, dass man einfach Teil der Familie wird, aber nicht als ein Gast, der geehrt wird, sondern man muss sich an das anpassen, wie die Familie funktioniert. Man muss mitfunktionieren.

Wie wäre es, aus all unseren Ländern einen neuen Turm zu Babel zu bauen? Nicht, um irgendeinem Gott im Himmel zu nahe zu treten. Aber um aus der Vielheit der Menschen ein gemeinsames Werk zu bilden. In der Bibel ist der Turmbau zu Babel eine Sünde. Aber vielleicht ist der Bau eines Turms zu Babel gerade die Lösung der Welt?

Das Theater ist für mich ein gesellschaftlicher Ort, an dem man Bewusstsein entwickeln kann. Und dieses Bewusstsein soll sein: Verständnis für Andere. Das sehe ich heute als große Notwendigkeit. Wir müssen zuhören. Wir müssen aufeinander hören.

Doch wie schwierig ist es, einen Zugriff auf Menschen zu erhalten, die man nicht ohnehin schon kennt. Darin liegt für uns ein großer Auftrag. Unsere Theater gehen mit Projekten mehr und mehr in die Städte hinein. Was wichtig ist. Aber wir müssen auch das Theater selbst ganz genau betrachten. Wie stark repräsentieren wir noch unsere – veränderte – Gesellschaft? Oder anders gefragt: Für wen spielen wir Theater?

Früher beschränkte sich Repräsentation eines Ensembles auf verschiedene Generationen einer Gesellschaft. Aber wer heute durch die Straßen von, zum Beispiel, Bochum geht, der sieht und hört sofort, dass es bei Repräsentation auch um verschiedene Sprachen, um unterschiedliche Kulturen, ja, ganz blöd gesagt, auch um Hautfarben geht, Hautfarben als Ausdruck von Identität, und zwar im Zweifelsfall einer Identität, die nur von uns von außen zugeschrieben wird. All das soll ein Schauspielensemble heute repräsentieren. Und das sollen wir thematisch aufgreifen. In der Hoffnung, viele unterschiedliche Menschen anzusprechen, dass sie uns zuhören wollen und dass so wiederum wir etwas von ihnen erfahren.

Dass das Theater die Gesellschaft in ihrer Buntheit repräsentieren soll, ist auch ein bisschen ein Allgemeinplatz geworden. Aber das Theater kann auch eine Art Probebühne für die Wirklichkeit sein – in der Türken, Syrer, Deutsche bzw. Schwarze, Weiße, Braune, Gelbe sonst nämlich meist unter sich bleiben. Was passiert aber, wenn ich diese ganzen unterschiedlichen Kulturen zusammenbringe: Ist das nicht zugleich eine wunderbare Utopie einer real zusammentretenden Gemeinschaft!? Wir brauchen keine Person of Colour im Ensemble, um endlich richtig „Othello“ spielen zu können, sondern eher für die Fausts, die Richards III., die Siegfrieds. So formuliert sich ja auch die Utopie, über die Hautfarben hinwegzukommen. Und das geht im Theater.

Und gleichzeitig sollen wir „unsere“ Kultur mit der Welt draußen konfrontieren. Das deutsche Theater reist viel zu wenig um die Welt. Vielleicht weil man hier denkt, zumindest unterbewusst, dass man es nicht nötig hätte? Vielleicht auch, weil man oft sehr aufwändig produziert. Nur wenige deutsche Theater sind wirklich weltweit bekannt. Aber das sollte unser Anspruch sein. Ein Beispiel: Mit „Penthesilea“, einer Koproduktion von Salzburger Festspielen und Schauspielhaus Bochum, wollen wir sehr gern überall in der Welt spielen, überall die Sprache von Kleist zeigen, und deswegen wird das Bühnenbild von Johannes Schütz so konstruiert, dass es auch in einen Sprinter passt und nicht 20 Personen braucht, um es aufzubauen. Unsere Produktionsweisen müssen darauf ausgerichtet sein, dass Vorstellungen auch international touren können. Das betrifft die Ausstattung, die Zusammenarbeit mit Kollektiven, die Spielplandisposition. Das war schon vor 30 Jahren mein Credo, und das wird es wieder sein. Auch am Stadttheater des 21. Jahrhunderts.

Bestimmte Bevölkerungsgruppen haben wir, nach meinem Eindruck, für das Theater fast verloren. Wenn wir ein Stück über Arbeiter zeigen – sitzen dann noch viele Arbeiter im Saal? Wir reflektieren über Arbeit, aber es gucken vor allem Menschen zu, die genauso von außen die Arbeiter angucken. Wenn wir das Verhalten von Rechtspopulisten auf der Bühne zeigen, werden fast keine Rechtspopulisten im Saal sitzen. Das finde ich ein großes Dilemma.

Die Frage, ob es unsere Welt in 100 Jahren noch gibt, ist eine berechtigte Frage. Oder sehe ich das zu dramatisch? Wir müssen uns doch bewusst sein, dass unsere Welt in einer Wüste endet, wenn wir so weitermachen. Wir reichen Westeuropäer müssen uns damit beschäftigen. Aber wir denken immer noch, dass wir entkommen werden. Das beziehe ich sowohl auf die menschliche Barbarei, als auch auf die reale Wüste, die vielerorts zunimmt. Umwelt und Barbarei gehen Hand in Hand.

Vielleicht liegt eine Chance darin, dass man sich im Theater nicht nur mit Figuren identifiziert. Das Besondere an Schauspiel ist, dass man sich mit Problemen identifizieren kann. Mit Gedanken.

Wir sollen uns bewaffnen mit Gedanken. Mit Gedanken, wie man die Menschlichkeit hochhält. Zum Beispiel mit Mitgefühl. Mitgefühl nimmt aber jeden Tag ab. Wie kann es sein, dass wir all diese Geflüchteten auf diesen Schiffen herumfahren lassen!? Wir alle sind angesprochen. Auch ich tue zu wenig.

Mitgefühl kostet. Kostet Mut. Mitgefühl kostet Verzicht. Kostet Zeit, sich mit den Dingen zu beschäftigen. Kostet Geld. Kostet die Bereitschaft, Privilegien abzugeben, kostet die Bereitschaft, wirklich auf Augenhöhe mit Anderen sein zu wollen. Sonst wird Mitgefühl nämlich besserwisserisch, gönnerisch. Für Mitgefühl muss ich mein eigenes Verhältnis zu Welt weiterentwickeln.

Wir sollen wirklich wissen wollen, woher ein Mensch kommt. Wir wissen zu wenig über die Träume der Anderen. Wir erkennen wohl, dass sie Not haben und dass wir helfen müssen. Aber wie führen wir das weiter, nämlich so, dass sie auch wirklich teilnehmen an der Gesellschaft hier? Dass keine Parallelgesellschaften entstehen. Dass sie auch gefragt werden, mitverantwortlich zu sein für Veränderungen, die unsere Gesellschaft unternimmt.

Natürlich sind wir konfrontiert mit kulturellen Unterschieden. Für mich sind manche Regeln auch nicht verhandelbar, zum Beispiel die Trennung von Staat und Kirche. Ich kann nicht in einem Staat leben, der den Glauben vorgibt. Aber ich muss als Staat wohl akzeptieren, dass es auch andere Glaubensrichtungen gibt. Für mich ist der Glaube an einen Nicht-Gott genauso wichtig wie für Andere der Glaube an einen Gott. – Kürzlich habe ich bei einer Inszenierung mit Schauspielern gearbeitet, deren Familien aus Marokko und Tunesien stammen. Wir haben viel über Religion diskutiert. Die Schauspieler waren zum Teil früher fanatische Anhänger des Islam, haben sich als Jugendliche aber davon abgekehrt (übrigens sehr ähnlich wie ich damals als Jugendlicher vom christlichen Glauben). Allerdings können sie das ihren Eltern nicht offenbaren. Für ihre Eltern tun sie immer noch so, als gingen sie regelmäßig in die Moschee.

Wer bin ich, um das zu kritisieren? Wir haben auch die Chance bekommen, uns von den Gesetzen unserer Eltern zu emanzipieren, das hat Generationen gedauert. Vor 50 Jahren konnte ein Sohn seinen Eltern noch nicht einfach sagen: Hey, ich bin schwul. (Und ich weiß, dass es auch heute noch nicht so einfach ist, wie immer getan wird.) Und in anderen Kulturen sind solche Freiheiten auch noch anders, was man verstehen muss. Man kann es nicht akzeptieren. Aber man muss es erst mal verstehen. Und dann kann man miteinander in Dialog kommen.

Wir brauchen unbedingt mehr Geduld miteinander. Mehr Geduld! Und mehr Mut, unsere Meinung offen zu sagen. Keine Angst vor Rechtspopulisten, aber auch keine Angst vor unserem eigenen linken schlechten Gewissen. Ehrlich sein. Ängste aussprechen. Zweifel aussprechen. Fragen stellen. Infragestellen. Nicht über den Sachen stehen. Probleme nicht relativieren.

Mehr Geduld, mehr Mitgefühl, mehr Menschlichkeit. Klingt das altmodisch? Und wenn schon. Für mich klingt das wieder visionär. Oder zumindest verdammt wichtig für unsere Zukunft, wenn wir denn eine gemeinsame Zukunft haben wollen. Da kann sich dann jede und jeder an die eigene Nase fassen, ob gebürtige Deutsche oder Zugewanderte. Und vor allem klingt es nach dem, was wir im Theater am besten können: persönlich sein. Von Mensch zu Mensch.

aus: Theater heute Jahrbuch 2018

Johan Simons,
Intendant Schauspielhaus Bochum

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