Ein Ausblick auf die Themen und Künstler*innen der Saison

Hat schon jemand die Reset-Taste gedrückt? Die Taste zum Zurückspulen, löschen, alles auf Anfang. Oder halten wir kurz noch mal inne: Pause. Waren wir nicht lange genug in der Pause? Schon. Aber ehrlicherweise haben wir doch trotzdem unentwegt weiter rotiert. Immer auf dem Absprung, dass es jetzt! doch! bestimmt! bald! morgen! wieder losgeht, wieder weiter geht. Keine Atempause. Oder besser: andauerndes Luftholen, Luftanhalten, aber kaum Ausatmen. Jetzt ist es soweit. Jetzt geht es wieder los, richtig. Die Spielzeit 2021/2022 wird eine postpandemische Spielzeit, sukzessive. Play.

Wir stehen alle vor einem Neuanfang. Nur was für ein Neuanfang soll das sein? Lasst uns im Theater gemeinsam darüber nachdenken. Die Sache durchspielen.

Wenn wir im Schauspielhaus Bochum die Türen wieder öffnen, dann stellen wir uns zu Beginn genau diese Frage: Was kann ein neues Leben sein, wenn das alte nicht mehr möglich ist oder nicht mehr möglich sein soll. Christopher Rüping inszeniert einen Lebensfragenabend, basierend auf Dantes Vita Nova, deutsch übersetzt mit dem symbolmächtigen Titel Das neue Leben. Verpasste und neue Chancen bestimmen diese persönliche Liebesgeschichte von Dante Alighieri und seine Frage nach innerer Erneuerung. Rüping schließt den mehr als 700 Jahre alten Dante, dessen unerfüllte Liebe bis zur weltberühmten Göttlichen Komödie führte, mit unserer Zeit kurz. Unbeschwert: „Ich wünsche mir, dass wir uns mit der Öffnung der Theater langsam wieder aneinander gewöhnen, unplugged, dass wir nicht sofort überwältigen, sondern dass Spieler*innen und Publikum gemeinsam neu anfangen und losgehen.“ Im Gepäck haben Rüping und Dante kleine und große Lebensfragen – und einige der größten Lovesongs ever.

Die Pandemie hat uns ein Paradox noch einmal nachdrücklich klargemacht. Zu- rückgeworfen auf uns selbst – in Homeoffices, Homeschools, Quarantänen, Kon- takt- und Ausgangssperren, diesem Dauer- zustand, der in dem furchtbaren sprachlichen Paradoxon von der „sozialen Distanzierung“ zum Ausdruck kommt –, war der digitale Fortschritt ein Glück, weil er half, Kontakt zu halten. Aber so glücklich wir darüber waren, einander in ruckeligen Videominiaturen zu sehen (mal ehrlich, welche Ihrer Videokonferenzen lief ohne Verbindungsstörungen ab?), wie sehr dadurch auch die Welt weiter zusammenrücken kann, über Kontinente hinweg, ganz kerosinfrei, umweltfreundlich (wobei, wie viel Energie verbraucht eigentlich ein dreistündiger Livestream an Server-, Up- und Download-Leistung …?), also, so beruhigend und zukunftsweisend sich das alles anfühlte – je mehr Zeit verging, umso deutlicher wurde: Gemeinsam wurden wir einsam.

Ich und du. Ich und ihr. Ich und wir. Was wir aus diesem Auf-uns-selbst-zurückgeworfen-Sein gewinnen, ist ein geschärftes Bewusstsein davon, wer wir eigentlich sind. Wir Menschen als soziale Wesen. Und damit immer verbunden die Frage: Wer wir sein wollen, für uns selbst und in Bezug auf andere. Das mag auf den ersten Blick keine neue Frage im Theater sein. Aber wir stellen und beurteilen im Theater diese Fragen jeden Abend aufs Neue, mit jeder Vorstellung, die eben aus dem Moment heraus entsteht, nicht „on demand“ vorproduziert und konserviert abrufbereit. Und außer- dem gibt es jetzt eine besondere Aufmerksamkeit, uns diese Fragen sehr konkret zu stellen. Uns ihnen zu stellen.

Die Rolle des Individuums im Verhältnis zur Gemeinschaft. Zeitgenössische Stücke wie antigone. ein requiem von Thomas Köck oder Die Politiker von Wolfram Lotz, als Doppel inszeniert von Franz-Xaver Mayr, treten poetisch verspielt auf, stellen aber klar die Verantwortung jeder und jedes Einzelnen für die politische Ordnung ins Zentrum. Antigone prallt mit ihrem Ideal, humanistische europäische Werte leben zu wollen, an bigotten Wohlstandsbürger*innen ab, deren diffuse Furcht ein pragmatischer Regierungschef machtstrategisch auszunutzen weiß, so lange, bis ihn jemand stoppt. Bei Wolfram Lotz werden die chorisch summierten Erwartungshaltungen an „die Politiker*innen“ zu einer listigen Spiegelung unserer sehr persönlichen Selbstverantwortlichkeit.

Édouard Louis ist ein junger Schriftsteller, der den Anspruch hat, mit seinem literarischen Werk die Stimme für die Rechte von Homosexuellen und sozial Benachteiligten zu erheben. Am Ende seiner Hommage und Kampfansage Wer hat meinen Vater umgebracht, die der junge polnische Regisseur Mateusz Staniak inszeniert und die die neoliberale Sozialpolitik scharf angreift (eine Entwicklung, die längst nicht nur Louis’ Heimatland Frankreich, sondern auch Deutschland und andere europäische Länder betrifft), steht als letztes dieses Wort: Revolution. Aufruf zum Widerstand, Aufruf zu einer neuen Zeit. Viele Demonstrant*innen weltweit in Staaten mit autoritären Regimen oder undurchsichtigen Machtstrukturen sind in den vergangenen Jahren auf die Straße gegangen, um für mehr Freiheit und Demokratie zu kämpfen, teils unter Einsatz ihres Lebens, ob in Chile, Hongkong, Libanon, Belarus, Weißrussland, Myanmar … Noise. Das Rauschen der Menge, das die chilenische Theatermacherin Manuela Infante für das Schauspielhaus Bochum geschrieben und inszeniert hat, nimmt diese Erfahrungen zum Anlass ihres Stücks. Wie verbinden sich Individuen, um gesellschaftliche Verbesserungen herbeizuführen? Was bewirkt eine einzelne Stimme? Wo Thomas Köck in seiner antigone-Rekomposition den antiken Sophokles’schen Chor als politischen Player neu hinterfragt – und zu Gehör bringt –, sampelt Manuela Infante Klänge, Stimmen und philosophische Fragen zu einem betörenden, polyphonen Theateressay.

Wenn der Mensch sich also einerseits zunehmend von sozialen Zusammenhängen entkoppelt – und dafür mag die digitale Isolierung und Individualisierung eine Metapher sein, in mancher Hinsicht auch eine reale Gefahr (wie wir durch die anonyme Radikalisierung im Internet sehen) –, was ist er dann noch? Was wird aus ihm, bar sozialer Konnektivität: ein Tyrann, Usurpator, Tier?

„Erschrickt dich, derselbe Mensch zu sein, der du im Wünschen bist?“, fragt die Lady ihren Gatten Macbeth. Spöttisch. Denn Shakespeares blutrünstiger König folgt schließlich „nur“ seinen innersten Trieben, so what!? Auch im Florenz des

16. Jahrhunderts regieren Rausch, Orgien, Skrupellosigkeit – Moral, was ist das. Oder regt sich vielleicht doch Widerstand? In Alfred de Mussets und George Sands Drama Lorenzaccio, in Bochum neu inszeniert von Nora Schlocker, bringt letztlich auch der Tyrannenmord keine gesellschaftliche Veränderung, wirft aber ein umso schärferes Licht auf die menschliche Natur. Und eben jenen Spuren folgt Johan Simons mit Macbeth, seiner dritten großen Bochumer Shakespeare-Inszenierung, tief hinab in die Abgründe dessen, was uns Menschen bloß vom Animalischen trennt: das Bewusstsein, das Denken. Wehe, wenn jemand die falsche Taste drückt. Und sei es bei sich selbst.

Auf der anderen Seite individueller Macht steht: Widerstand. Jemand wie Antigone wird unfreiwillig zur (verhinderten) Systemsprengerin. Lorenzaccio wird zumindest kurz zum – meuchelnden – Hoffnungsträger wider das verkommene Medici-System. Und Aischylos’ Prometheus, dessen Verrat an Göttervater Zeus Anna Stiepani in ihrer Inszenierung nachgeht, hält als Prototyp des unbeugsamen Staatsfeindes noch in Fesseln den Gedanken an die Freiheit der Gedanken aufrecht. Drei unterschiedliche Spielarten von Gegenmacht, oder zumindest des Versuchs, aus jeweils unterschiedlichen Motiven. Kann eine*r ein Vorbild sein? Wer nur ein abschreckendes? Sollten wir auf der Suche sein auch nach neuen politischen Impulsen für unser derzeitiges System (und manches, was da gerade als Aufbruch, als selbsternannte „Alternative“, als „Querdenken“ daherkommt, ist in Wahrheit ja schlicht reaktionär, kriminell, menschen- feindlich), so lohnt die Auseinandersetzung mit diesen drei Widerständigen und ihren Idealen. Das Theater ist ein Ort, um solche Reflexionen und Debatten anzustoßen.

Wenn, wie in Bulgakows Der Meister und Margarita der Teufel höchstpersönlich auf die Erde kommt, um die verkommene, korrupte Gesellschaft auseinanderzunehmen, ist sogar einiger diabolischer Spaß dabei. Robert Borgmann bringt diesen überbordenden Weltroman, der die Grenzen von „echt“ und „erdacht“ virtuos verwischt, auf die Bühne des Schauspielhauses. Der Roman Mysterien von Knut Hamsun, mit dem sich Johan Simons zu Beginn der Saison auseinandersetzt, erzählt von einem, der seine Mitmenschen vor den Kopf stößt, während sein eigener Kopf selbst Amok läuft – und er sich in der Zeichenhaftigkeit der Welt verläuft. Eine delirierende literarische Wiederentdeckung.

Faszinierend ist auch, wie die ältesten Theaterstoffe, unter Sedimentschichten von Jahrhunderten Aufführungsgeschichte, wegweisende Ideen fürs Heute und Morgen enthalten. So keimt Neues direkt aus Altem. Mitunter nicht einmal in Opposition dazu. Ödipus, Herrscher, inszeniert von Johan Simons nach Sophokles, erobert für Jokaste – die Mutter, Witwe, Geliebte, Königin – matriarchale Souveränität zurück. Hier muss sich eine Frau nicht entscheiden zwischen Sensibilität und Stärke. Sie verweigert Ödipus, ihrem Sohn und neuem Ehemann, das Opfer ihres Freitods und behauptet sich als verantwortungsbewusstes Oberhaupt von Familie und Staat. Dušan David Parízeks Interpretation von Henrik Ibsens Peer Gynt zeigt, welche Impulse die traditionell männliche – und zuweilen auch machistische – Antiheldenreise für heutige feministische, kapitalismuskritische und postkoloniale Diskurse bietet. Dieser Peer will der Enge seiner Herkunft entfliehen, wird aber die Frage nie los, was das denn eigentlich ist: sein Ich. Was ändert sich an unserem Blick auf den manischen Selbstbehauptungsdrang, wenn Peer von einer Frau verkörpert wird? Welche Parallelen liegen offen dar zwischen dem Kolonialismus des 19. Jahrhunderts und der ökonomischen Ausbeutung des globalen Südens heute? Wie kann man den Auftritt der „Tochter des Beduinenhäuptlings“, Anitra, für Peer eine Kreatur „ohne Seele“, heute spielen? Was entgegnet eine Frau, Solveig, dem Mann, Peer, auf den sie ein Leben lang wartet, heute?

Das Theater hat den Anspruch, auf der Bühne die Fragen der Zeit zu verhandeln. Aber wer bestimmt eigentlich, was ebendiese Fragen sind? Es ist sicher kein Zufall, dass gerade im zerrütteten Zustand des ewigen Stop-and-go der Pandemie, im zwangsläufigen Kreisen auch um sich selbst innerhalb der Theater, der Blick geschärft wurde für die Identität des eigenen Betriebs (und das ist tatsächlich ein Gewinn dieser Zeit): Wer ist eigentlich „das Theater“? Entscheidungsstrukturen, Machtverhältnisse, auch deren Missbrauch – diese Debatten werden mit und seit diesem Jahr offener und nachdrücklicher geführt. Und eingefordert. Es geht nicht nur um das politische System da draußen, auch hier drinnen, innerhalb der Theatermauern. Practice what you preach. Lebe, was du lehrst.

Also wer sind wir? Einfach gesagt: Wer darf mitspielen? Am Schauspielhaus Bochum wollen wir (sic!) den Weg weitergehen, der 2018 mit Beginn der Intendanz von Johan Simons eingeschlagen wurde, einen Weg von Internationalität, Diversität, Gleichberechtigung. Was ein Weg ist; und selbst wenn das Ziel klar vor Augen steht, stellt sich immer wieder die Frage, wie man gut dorthin kommt, in welchen Schritten, mit welchem Tempo, welche Hindernisse auftauchen – und ob auch alle sie sehen. Respekt, Teilhabe und anti-diskriminierendes Denken und Handeln wollen wir alle (hoffentlich). Aber sind wir damit schon weit genug? Um wessen Glück geht es, wenn wir in die neue Spielzeit starten.

Alte Macht erfährt neuen Widerstand: Was erzählen wir? Von wem? Über wen? Mit wem? Diese grundsätzliche Debatte hat jetzt erst richtig begonnen. In der neuen Spielzeit adaptieren wir einen Roman des südafrikanischen Autors J. M. Coetzee für die große Bühne. Coetzee erinnert uns daran, dass gesellschaftliche Reformen aus dem veränderten moralischen Bewusstsein der Menschen heraus kommen müssen:

„Wenn wir menschlich sein wollen, dann lasst es uns aus freien Stücken sein, nicht weil wir Strafe oder Vergeltung fürchten.“ Sein Roman Schande (Disgrace), angesiedelt etwa fünf Jahre nach dem offiziellen Ende der Apartheid in seinem Heimatland, wirft komplexe Fragen auf zum Verhältnis von Schwarzen und Weißen, Männern und Frauen, Tätern und Opfern. Regisseur Oliver Frljić will diese vermeintlich klaren, binären Denkmuster hinterfragen. Wie flüssig sind solche Identitäten? Wie werden aus Tätern Opfer und umgekehrt?

Die Marginalisierung von Menschen, also deren Abdrängen und Geringschätzen, erfolgt gezielt und unbewusst. Sowohl persönlich, als auch strukturell. Und um diskriminierende Strukturen zu erkennen, müssen wir dafür sensibel sein. Die finnische Autorin und Regisseurin Saara Turunen, die erstmals in Deutschland inszeniert, macht uns gewissermaßen ein Sensibilisierungsangebot, ein versponnen-verspieltes. Ihr Stück Das Gespenst der Normalität, eine Titel-Anspielung auf Luis Buñuels Gespenst der Freiheit, erzählt in skurrilen Momentaufnahmen vom Wunsch nach Konformität, davon, einfach „ganz normal“ sein zu wollen, wie auch umgekehrt vom Druck, dazu gehören zu wollen, vom Schmerz, ausgeschlossen zu werden, vom Gefühl, anders als die Mehrheit zu sein. Mit surrealen Bildern verweist sie auf die zentrale Frage: Wer definiert das „Wir“, das sich Gesellschaft nennt? Das „Wir“, das teilhat, das mitreden und mitbestimmen kann. Letztlich auch darüber, wie wir das System verändern.

Chancengleichheit kann man, frau, kind nicht früh genug (kennen) lernen. Dafür steht auch das Junge Schauspielhaus. Etwa mit der Adaption des Kinderbuchs Wie Rosie den Käsekopter erfand, einer von Sara Hasenbrink inszenierten, turbulenten Geschichte über den Mädchen- statt Jungstraum, Ingenieur*in zu werden. Oder wenn in Liesbeth Coltofs Inszenierung von Michael Endes Die unendliche Geschichte, die so sehr die Kraft der Fantasie beschwört, alles für möglich zu halten, auch um die Welt zu verändern, wenn hier das Ensemble, angeführt von zwei jungen Frauen, das Stück mit den Worten von Nina Simone beschließt: „Ich wünsch’, du er- kennst, was es heißt, wie ich zu sein. Du wirst sehen und verstehen: Freiheit muss für alle sein!“, dann ist das hoffentlich auch ein großer Moment des Empowerments, generationenübergreifend. So wie auch das neu konzipierte Theaterrevier, mit dem wir vergangene Saison in der Zeche Eins gestartet sind, ein Ort der (Selbst-)Ermächtigung ist, wo Kinder und Jugendliche und junge Erwachsene nicht nur gehört werden, sondern auch entscheiden: Eure Kunst, eure Regeln.

Dort, wo wir, Sie und ich, zur Mehrheitsgesellschaft gehören, sind Perspektivwechsel nicht nur politisch geboten, sondern auch schlichtweg bereichernd. Mit anderen Augen, ein musikalischer Abend über das Sehen von Selen Kara und Torsten Kindermann, entführt das Publikum in die Welt von blinden und sehbehinderten Menschen. Und zum Finale der Spielzeit laden wir ganz Bochum ein zu einem Bühnenspektakel auf dem Vorplatz des Schauspielhauses, wo wir ein Open-air-Theater errichten und die immer noch zu selten gehörten Geschichten der Einwanderergenerationen auf jene Bretter bringen, die doch eigentlich die Welt aller bedeuten sollen. Der Autor Akın Emanuel Şipal schreibt im Auftrag des Schauspielhauses ein neues Stück, das Liesbeth Coltof mit der ihr eigenen ansteckenden Begeisterung in Szene setzen wird.

Eine Beobachtung in der Pandemie war, dass durch Homeoffice und Homeschooling plötzlich auch jene Räume verwaisten, in denen sich unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen noch voraussetzungsfrei persönlich begegnen: nämlich die Straßenbahnen, Busse und anderen öffentlichen Verkehrsmittel. Wo sich morgens um sieben die Schüler*innen aus den „Problemvierteln“ drängen neben die Anzugyuppies auf dem Weg ins Büro, die Malocher im Blaumann neben die Studierenden, die Ärztin neben den Leiharbeiter, der Sekretär neben die Frau auf dem Weg zum Ausländerbüro. Räume der (Er-)Kenntnis von- einander – dadurch, dass mir nicht algorithmusgelenkt nur angezeigt wird, was oder wen ich eh schon kenne oder abonniert habe. Solche öffentlichen Orte der unmittelbaren Begegnung und des Austauschs sind Theater auch, möglichst nicht nur, wenn sie außerhalb der eigenen Mauern spielen. Wir versuchen mit unserem Programm, vielfältige Einladungen auszusprechen. Dazu gehören auch Theater im Fußballclub, Nicht wie ihr, oder eine Kreuzfahrt auf der Theaterbühne: Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich. Die Grenzen öffnen, was Theater alles sein kann, und unsere Wahrnehmung dabei herausfordern, das wollen auch die stets bei freiem Eintritt zu erlebende Film-, Licht- und Videokunst im Oval Office sowie das Festival für immersive Künste DIVE.

Neue Sinneseindrücke. Neue Formen. Neue Ideen. Wann, wenn nicht jetzt. Neues Leben, zumindest ein Stück weit. Oder noch radikaler: neues Leben in neuen Welten – mit neuen Menschen. Die vielleicht gar keine Menschen mehr sind. Oder überhaupt nicht mehr – sind. Die posthumane Gesellschaft. Das Performanceduo Suzan Boogaerdt und Bianca van der Schoot arbeitet seit Jahren im Grenzbereich zwischen Mensch und Plastik, Installation und Lebendigkeit. Mit Headroom entführen sie uns in ein artifizielles Kopfkino. Und The Shape of Trouble to Come des FARN. collective will mit einem theatralen Ritual in eine posthumane Zukunft weisen, in der der Mensch nicht mehr Ausbeuter*in, sondern integraler Teil des Planeten ist.

Teiresias, der Seher in Thomas Köcks antigone, warnt: „es / kommt eine neue zeit überhitzung / verwüstung steppenbildung es / kommt eine neue zeit.“ Vielleicht ist es doch gut, uns vorerst daran zu erinnern, dass diese „neue Zeit“ (so wie mittlerweile fast alles auf diesem Planeten) menschengemacht ist. Also auch durch Menschen veränderbar. Noch. Wer, wenn nicht wir. Eine Aufführung dieser Spielzeit springt auf besondere Weise hinein in diese überhitzte, wüste Welt von Wachstum, Umweltzerstörung und Vergeudung, von more more more, spürt die Leere auf, die hinterm Dauerkonsum lauert, aber auch die Hingabe, die zu Verausgabung führt. Baroque von Lies Pauwels – der Titel verweist weniger auf eine historische Epoche als auf ein Lebensgefühl, verkörpert von einem Cast aus Schauspieler*innen des Bochumer Ensembles und mehrgewichtigen Menschen aus der Region. Baroque, das ist: Tanz auf dem Vulkan. Katerstimmung. Traum von einer anderen Welt.

Liest sich das nicht auch wie ein Spiegel unserer Zeit vor, während und nach der Pandemie?

Kampf der Katerstimmung. Wenn wir einander im Theater wieder begegnen, dann weckt das Glücksgefühle. Das Glück, vor leibhaftigen Menschen zu spielen. Nicht nur vor Kameras. Auch das bedeutet für uns die neue Spielzeit: eine wieder neue Zeit des Spielens, unmittelbar. Vielleicht auch des neuen Spielens, in neuen Formen und Ausdrucksweisen, das werden wir sehen. Aber erst setzen wir auf jene unvergleichliche Verbindung zwischen Zuschauer*innen und Spieler*innen im selben Raum, auf die Energien, die sich übertragen – direkt. Etwas, was so nur Theater kann. Und weshalb wir Theater machen. Die Digitalität hat uns global vernetzt und individuell vereinzelt, sie verschafft uns künstlerisch neue Möglichkeiten, aber alles kann sie eben auch nicht. Was nicht schlimm ist. Wir können von allem das Beste wählen.

Vielleicht wird die Welt eines Tages nur noch das sein: eine große Videokonferenz mit unzähligen virtuellen Unterräumen für dieses und jenes? Sie wird es nur, wenn wir es wollen. Was wir in die neue Zeit mitnehmen, was wir ändern, unser Glück – das sollten nach Kräften wir selbst bestimmen. Mit einem „Wir“, das ein vielfältiges ist, in dem die unterschiedlichsten Stimmen mitschwingen.

Pause – Rewind – Fast Forward – Play. Neue Spielzeit, neues Spiel – neues Glück.

von Vasco Boenisch

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