Der Stückemarkt des Theatertreffens vergab gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb den diesjährigen Werkauftrag im Rahmen einer öffentlichen Veranstaltung am Donnerstag, 16. Mai 2019 im Haus der Berliner Festspiele. Der Werkauftrag ist verbunden mit der Realisierung einer neuen Arbeit am Schauspielhaus Bochum. Der Chefdramaturg des Hauses Vasco Boenisch gab die Gewinnerin des diesjährigen Werkauftrags bekannt: Manuela Infante! Hier ist seine Lautatio auf die chilenische Künstlerin zum Nachlesen.

Im besten Fall geht man aus dem Theater reicher heraus, als man hereingegangen ist. Manchmal jünger, manchmal klüger, manchmal sensibler, inspirierter.
In diesem Sinn war der diesjährige Stückemarkt eine große Be-Reicherung.
Denn die Lektüre der Stücktexte, auch manche der szenischen Lesungen, beziehungsweise die Aufführungen der beiden Autor*innen-Regie-Projekte waren jede für sich – und auch als Tableau in der Summe – beeindruckend. Viel Stoff zum Nachdenken. Zum Diskutieren. Allen fünf Finalist*innen ein großes Kompliment und Gratulation zu ihren Werken.

Natürlich ist das Verfahren etwas tricky, was sich die Erfinder*innen des Stückemarkts ausgedacht haben. Denn einerseits werden beim Stückemarkt fünf Werke präsentiert und auf dieser Basis ein*e Autor*in am Ende ausgezeichnet – aber das war dann gewissermaßen nur eine Arbeitsprobe. Denn das hier präsentierte und begutachtete Werk soll am Ende ja gar nicht im Partnertheater gezeigt, sondern es soll ein neues Werk in Auftrag gegeben werden.
Das ist im Sinn der Künstler*innen-Förderung klar gedacht – macht die Wahl aber nicht ganz einfach. Denn man muss ja von dem Eindruck nur eines Werkes auf das Potenzial schließen, das die Künstlerin oder der Künstler für weitere, neue Werke mitbringt.
Trotzdem war es eine Freude, sich mit den fünf Stücken auseinanderzusetzen. Denn alle fünf zeigen Potenzial. Und jede*r der fünf Autor*innen würde auch gut zum Profil des Schauspielhaus Bochum passen.

Das Schauspielhaus Bochum hat seit der Spielzeit 2018/2019 mit dem niederländischen Theatermacher Johan Simons eine neue Künstlerische Leitung. Johan Simons war als Regisseur selbst mittlerweile sechsmal zum Berliner Theatertreffen eingeladen, und unsere Vision dieses berühmten Schauspielhaus Bochum ist die eines modernen, regionalen wie auch internationalen, interdisziplinären Theater für das 21. Jahrhundert.
Das Schauspielhaus Bochum hat ja eine lange und teilweise ehrfürchtig legendäre Geschichte – im April haben wir gerade den 100. Geburtstag dieses Theaters gefeiert. Bochum – eine kleine Großstadt oder große Kleinstadt ganz im Westen von Deutschland im Zentrum der ehemaligen deutschen Kohlen- und Stahlindustrie – hat mit diesem Schauspielhaus eine Theater-Institution im deutschsprachigen Raum geschaffen. Und diese Theater-Institution beleben wir seit dieser Spielzeit neu.
Wir haben ein neues, starkes und diverses Ensemble in Bochum versammelt: mit biografischen Einflüssen aus unterschiedlichen Kulturen, Sprachen und Ländern. Diese Setzung war und ist für uns eine Selbstverständlichkeit. Nicht nur unter dem Gesichtspunkt von Repräsentation, sondern schlichtweg im Sinn künstlerischer Vielfalt: Was kann für ein künstlerisches Team inspirierend sein – das ist eben nicht Monokultur (welche auch immer).
Deshalb gibt es in Bochum seit dieser Spielzeit auch eine neue künstlerische Vielfalt, ein weites künstlerisches Spektrum.
Es gibt ein von uns kuratiertes Konzertprogramm, jenseits des Mainstreams; es gibt einen Spielort, den wir zu einem Medienkunstzentrum gemacht haben, in dem ganzjährig Kunstinstallationen zu sehen sind von Künstler*innen wie Terry Riley, Matthew Barney oder Julian Rosefeldt – bei freiem Eintritt. Wir laden internationale Choreograf*innen ein, Performances zu kreieren mit unserem Ensemble; Künstler*innen wie Trajal Harrell oder Eleanor Bauer. Und wir haben ein sehr breites Verständnis davon, was Dramatik heute sein kann: von den ganz großen Stoffen, den großen Dramen- und Roman-Interpretationen, über Schreibaufträge an Autor*innen für neue Stücke, bis hin zu Stückentwicklungen im Bereich Autor*innen-Regisseur*innen-Theater.
Und in diesen alten und neuen Stücken und Stückentwicklungen haben wir uns in dieser ersten Spielzeit beschäftigt mit Fragen von Flucht und Vertreibung und Ausgrenzung; mit Fragen von Postkolonialismus bis hin zu Afrofuturismus; mit Fragen nach Frauen- und Männerbildern; mit Menschen an gesellschaftlichen Rändern wie etwa 24-h-Altenpfleger*innen aus Osteuropa.

Dies nur, um ein Bild davon zu vermitteln, was das Schauspielhaus Bochum heute ist und was also das Partnertheater des Stückemarkts 2019 ist – worauf sich die Teilnehmer*innen also eingelassen haben.
Und mit meiner Aufzählung am Ende haben Sie wahrscheinlich auch einige der Themen der fünf Finalist*innen des diesjährigen Stückemarkts wiedererkannt. Wie gesagt: Alle fünf haben Anknüpfungspunkte an das Programm und an die Programmatik des Schauspielhaus Bochum. Es war keine leichte Entscheidung.
Aber am Ende war es eine Entscheidung mit großer Begeisterung, Anerkennung und Vorfreude. Der Werkauftrag des Stückemarkts des Theatertreffen 2019 geht an: Manuela Infante.

Manuela Infante erzählt in „Estado Vegetal“ eine politisch relevante, philosophisch inspirierende und persönlich berührende Geschichte von Mensch und Natur; nein, präziser: vom Mensch als Teil der Natur. Vom Mensch als Natur.

Die Wahl des Themas ist in ihrer Konsequenz dabei genauso besonders wie die literarische Struktur. Beide haben uns beeindruckt und überzeugt.
Ein Baum wächst in eine Stromleitung. Ein Kurzschluss lässt die Straßenlaternen erlöschen. Ein junger Mann rast im Dunkeln mit seinem Motorrad gegen den Baum. Er stirbt. – Der Baum muss weg, hätte schon längst weggesollt, der Baum ist Zankapfel und Symbol. Und sogar Heimstatt. – Menschen streiten, Menschen trauern, Menschen träumen. – Und die Pflanzen haben schließlich, nein, nicht das letzte Wort, aber ihr Blätterrascheln, Wurzelknacken, Laubknistern überdauert. Der Rest ist Humus.
Leitmotivisch zieht Manuela Infantes dramatischer Text seine Kreise, verbindet Mikro- mit Makroperspektive: persönliche Schicksale mit der Welt der Pflanzen, dem Baum, dem Mythos Baum.
Aus einem vermeintlich einfachen dramaturgischen Mittel, dem Monolog, erwächst eine Sprachsymphonie von höchster Musikalität und Präzision. Das ist kunstvoll komponiert – und nie selbstgefällig konstruiert.
Sieben Personen mit sieben Perspektiven, also sieben Stimmen werden zu einem großen Ganzen. Zu einem künstlerischen Gewächs, das im Sich-Verzweigen, im Sich-Überlagern, im Miteinander-Verwachsen von Eindrücken, Erinnerungen und Reflexionen zu voller Blüte reift.
Und gleichzeitig fußt all das auf einem großen Stamm (um im Bild zu bleiben). Einem großen Erzählstrang – ist eben nicht eine der vielen „Collagen“ oder „Szenenreigen“ wie sie in der jungen Dramatik nicht selten anzutreffen sind und die dann gern mal unter der Flagge des Fragmentarischen eigentlich ins Beliebige abdriften.
Nein, Manuela Infante zeigt ein großes Talent darin, unterschiedliche Perspektiven völlig organisch miteinander zu verweben, sodass sie zusammen eine Geschichte erzählen … trotz all der Zirkelbewegungen, die sich hier wie Baumringe aneinanderfügen. Und in deren Schichten sich viele aktuelle gesellschaftspolitische Themen sehr selbstverständlich eingewachsen haben, was das Stück sowohl grundsätzlich als auch zeitgenössisch macht. Was es dabei vor allem ist: sehr spielerisch.

Manuela Infante überzeugt mit einem Stück, das Substanz hat, das elementar und im besten Sinn originell ist und das großes literarisches Können beweist.
Ihr Theater ist formal ambitioniert und folgt doch einer Geschichte, deren Figuren so menschlich sind, dass sie Identifikationsraum für Akteur*innen wie Publikum öffnen.
Intellektuelle Diskurse lässt sie so in eine Erzählung einfließen, dass diese gar nicht intellektuell wirkt – sondern natürlich, persönlich und auch witzig.
Manuela Infante kann ganz aus Sprache und Idiomen die unterschiedlichsten Charaktere plastisch formen – und damit nicht zuletzt Rollen und Spiel-„Material“ für Schauspieler*innen schaffen.
Ob sie spontane wörtliche Rede – scheinbar dokumentarisch – imitiert oder komplexe poetische Sprachbilder erschafft, Manuela Infantes Sensibilität für Worte und Rhythmus vermittelt sich bis in die englische Übersetzung hinein.
Und (was umso mehr erstaunt, wenn man die Entstehungsweise dieses Textes bedenkt): Die Sprache ist bewusst gesetzt, konzentriert und kondensiert, kein Geschwätz.
„Estado Vegetal“ ist nicht nur am Schreibtisch entstanden, sondern auch in Proben, Improvisationen und Recherchen – zusammen mit der fantastischen Schauspielerin Marcela Salinas als Co-Autorin. Dabei ist es gerade beeindruckend, wie Manuela Infante aus diesem Arbeitsprozess heraus, den man bei uns wohl als Stückentwicklung bezeichnen würde, ein Drama von so hoher literarischer Dichte erschaffen kann. Das zeigt, was bei Stückentwicklungen literarisch möglich ist.
Natürlich ist es auch bestechend, wie die Autorin-Regisseurin Manuela Infante hier aus dem Nichts und mit letztlich wenigen Mitteln szenisch einen wunderbaren Theaterabend macht, der mühelos zwischen Thriller, Comic und Liturgie wechselt.
Auch wenn es so ist – oder vielleicht auch gerade weil es so ist –, dass Autorin und Regisseurin hier nicht voneinander zu trennen sind, möchte ich gern als Randnotiz anmerken, dass einige meiner Dramaturgiekolleg*innen in Bochum die Videoaufzeichnung der Inszenierung noch gar nicht gesehen, sondern allein den Text gelesen haben – und also unbeeindruckt vom Spiel allein die literarische Qualität des Stücks als Dramentext herausgestrichen haben.

Manuela Infante ist somit für uns als Schauspielhaus Bochum eine ungewöhnlich kreative, mutige und inspirierende Vertreterin des Autor*innen-Regisseur*innen-Theaters, die etwas zu sagen hat.
Wir sind neugierig, welches Thema wir für und in Bochum finden werden.
Unser Ensemble wird sich sicher, wenn es diese Aufführung und diesen Text kennen lernt, auf die Zusammenarbeit sehr freuen.
Zwar wird es auch eine Herausforderung, nicht in Spanisch zu arbeiten – aber wenn wir Internationalität nicht nur denken, sondern auch leben wollen, müssen wir das einfach angehen. Wie gesagt: keine Monokultur. Weder im Wald, noch auf den Brettern, die ja angeblich die Welt bedeuten.

Mit Manuela Infante erhält eine Künstlerin den Werkauftrag, von der wir noch spannendes Theater sehen werden – in der Spielzeit 2020/2021 dann am Schauspielhaus Bochum.

Herzlichen Glückwunsch, liebe Manuela, wir freuen uns auf dich!

von Vasco Boenisch

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