REGISSEUR HERBERT FRITSCH ÜBER DADA, BOCHUM UND DEN MARQUIS DE SADE

Ihr Stil wird gern mit Dada verglichen, mit Sinnfreiheit, mit Spiel und Spaß. Was denken Sie darüber?
Herbert Fritsch: Diese Vereinfachung nervt mich, dass alles, was ein bisschen anders oder angeblich nicht real ist, sofort mit Dada verglichen wird. Und wenn man von „Sinnfreiheit“ spricht, frage ich mich, was diese andere, wichtige, sinnvolle Welt denn sein soll. Ist zum Beispiel ein Krieg in Syrien „sinnvoll“? Kommt mir nicht so vor.

In Bochum zeigen Sie Murmel Murmel, Ihre legendäre Inszenierung von der Berliner Volksbühne. Eine Aufführung mit nur einem Wort: Murmel. Ist das nicht absoluter Quatsch?
Diese Spinnereien, die wir da machen, die Andere als „Quatsch“ empfinden, empfinde ich als Genuss. Als Freude. Und alles, was Freude macht, ist extrem sinnvoll – weil es Freude macht. Darf ich kurz Nietzsche zitieren: „Seit es Menschen giebt, hat der Mensch sich zu wenig gefreut: Das allein, meine Brüder, ist unsere Erbsünde! Und lernen wir besser uns freuen, so verlernen wir am besten, Andern wehe zu thun und Wehes auszudenken.“ Freudlosigkeit als Erbsünde, dagegen inszeniere ich an!

Siebenmal waren Sie als Regisseur seit 2011 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Was machen Sie eigentlich mit den Trophäen, die Sie dort erhalten haben?
Zwei habe ich den Theatern geschenkt, Oberhausen und Schwerin. Was sie damit gemacht haben, weiß ich nicht. Die anderen fünf hatte ich in der Volksbühne aufbewahrt, jetzt stehen sie bei mir im Bücherregal. Allerdings habe ich eine zurückbekommen, die, glaube ich, Frank Castorf gehört, von seinem Baal aus dem Jahr zuvor. 2016, als ich mit der die mann eingeladen war, gab es nämlich eine Trophäe, die ein Eispokal war. Nun steht hier aber eine Blechskulptur, an der ich mir übrigens auch schon den Finger geschnitten habe, die mir nicht gehört. Wahrscheinlich hat Castorf im Gegenzug das Draht-Ding zu Hause, das eigentlich zu meinem Eispokal gehörte.

Bei Frank Castorf haben Sie 1996 mal am Schauspielhaus Bochum gespielt, damals in Marquis de Sade von Charles Méré.
Das war eine aufregende Zeit in Bochum. Leander Haußmann hatte tolle Schauspieler im Ensemble.

Welche Ihrer Erfahrungen als Schauspieler können Sie als Regisseur weitergeben?
Raumgefühl. Wie man Augen am Hinterkopf hat. Wie man im Raum spürt, was da am Vorabend los war, ob die Vorstellung toll war oder ob es eher nicht so gefunkt hat. Timing. Und wie man das Publikum als treibende Kraft wahrnimmt.

Das Publikum ist ein wichtiger Spielpartner für Ihre Inszenierungen.
Manchmal wirst du als Schauspieler vom Publikum getragen, und manchmal macht es dich fertig. Das sind Erfahrungen, die ich im Extrem gemacht habe. Denn ich habe das Publikum provoziert, ich bin frech geworden, und da kam auch einiges Böses zurück. Dem musste ich standhalten. Irgendwann habe ich das in Genuss umgewandelt, wenn das Publikum so reagiert hat. Das kann ich Schauspielern vermitteln.

Eines Ihrer Markenzeichen ist auch der inszenierte Schlussapplaus – warum?
Weil der Applaus für mich beim Theater dazugehört wie beim Gemälde die Unterschrift des Künstlers. Die Schauspieler können mit Stolz rauskommen und zu dem, was sie getan haben, stehen. Es geht nicht darum, sich zu verbeugen. Sondern: stehen. Das finde ich interessant. Die Ovationen des Publikums entgegenzunehmen, bedarf eines Stils und nicht einer Wegwerf-Geste, dass man ein bisschen nickt und wieder verschwindet. Nein. Man würdigt, dass das Publikum für einen applaudiert. Man sagt: Ich konfrontiere mich – Brust raus – schreit ihr, macht, was ihr wollt, aber ich stehe zu dem, was ich gemacht habe.

Was ist denn Ihre größte Stärke?
Wenn ich das sagen könnte, wäre ich echt schwach.

Sie entwerfen Ihre Bühnenbilder stets selbst…
Ja, damit es wirklich mein Raum ist. Der Raum bestimmt das Inszenierungskonzept.

… und für die Kostüme arbeiten Sie sehr oft mit Victoria Behr zusammen, die auch ein Markenzeichen Ihrer Inszenierungen geworden sind. Was zeichnet sie aus?
Viele wollen Kostüme machen, wie Victoria sie macht. Aber Victoria macht sich die Mühe, Stoffe zu finden, die in keinem Katalog stehen. In jeder Stadt sucht sie versteckte Stoffgeschäfte, und sie lagert auch besondere Stoffe bei sich zu Hause. Sie ist eine Stofffanatikerin. Die entscheidenden Stoffe für Kostüme zu finden, das ist eine große Kunst, und zu wissen, was ein Stoff macht – das ist bei ihr außergewöhnlich. 

Und welche Kostüme entwirft sie für „Die Philosophie im Boudoir“?
Das möchte ich noch nicht verraten.

Was interessiert Sie denn an den Texten des Marquis de Sade?
Ich habe schon lange davon geträumt, diesen Text des Marquis de Sade zu inszenieren. Als junger Mensch hat mich de Sade nachhaltig verstört. Nicht negativ, sondern es war eine Irritation, die mein Denken und meine Gefühle mobilisierte. Heute weiß ich: Man muss sich auf extreme Gedanken einlassen, um sein eigenes Denken zu trainieren. Man muss Gedanken aus dem Giftschrank holen und sich ihnen stellen. De Sade hat mit seiner Phantasie Räume aufgemacht, in die sonst keiner kommt. Es geht um das Unerwartete in einem selbst. De Sade spielt mit den Möglichkeiten des menschlichen Daseins, und man darf im Theater das Spiel nie vergessen.

Wann gehen Sie eigentlich als Zuschauer beglückt aus dem Theater?
Wenn es mich gepackt hat. Wenn ich in einen Zustand geraten bin, der das Alltägliche überschreitet.

Die Philosophie im Boudoir, Regie: Herbert Fritsch, 
Premiere 22.12.2018
Murmel Murmel, Regie: Herbert Fritsch, ab 29., 30.11.2018 (Repertoire)

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