Das Programm zur Spielzeit 2024/2025 ist da! Tauchen Sie ein in eine Welt voller alter Geister und neuer Gespenster, begeben Sie sich mit uns in das Neapel der 1950er-Jahre und ins englische Hochmoor, treffen Sie auf Urzeithunde und retten Sie in unserem Stadtprojekt die Welt!  

Inszenieren werden: Thorsten Bihegue, Claudia Bossard , Felicitas Brucker, Juli Mahid Carly, Thomas Dannemann, De Warme Winkel, Malte Jelden, Lara Kaiser, Caroline Kapp, Anaïs-Manon Mazić, Benjamin Abel Meirhaeghe, Lies Pauwels, Ulrich Rasche, Tom Schneider, Johan Simons und Nils Zapfe.  

Alle Infos zu den Premieren und Angeboten gibt es auf dieser Webseite und in unserem Programmbuch, das sowohl digital als auch analog in unseren Spielstätten und an zahlreichen Orten in Bochum erhältlich ist. 

Download Programmbuch 2024/2025

Die Geister der Vergangenheit

Für das Editorial des Programmbuchs sprachen Johan Simons und Chefdramaturgin Angela Obst über alte Geister und neue künstlerische Pläne für die Spielzeit 2024/2025.

Angela Obst: Glaubst du an Geister?

Johan Simons: Elsie, meine Frau, hatte in letzter Zeit Kontakt mit einer Person, die sich mit Geistern beschäftigt. Und einmal kamen sie im Gespräch auf mich, weil ich schlecht schlafe, und als sie mich dann traf, meinte sie, aber hallo, da ist eine Verbindung zwischen dir und etwas Rätselhaftem. Also wenn du mich fragst, ob ich an Geister glaube, dann vermutlich ja. Ich glaube, sie sind ein Teil von uns, von mir und dir, sie wurden von unseren Vorfahren an uns weitergegeben, wir tragen sie mit uns, müssen uns mitunter von ihnen losreißen, von Frustrationen und traumatischen Erinnerungen zum Beispiel. Das steckt für mich auch in dem Begriff „alte Seele“ – in ihm schwingen unsere Urahnen mit.

Angela: Welche „Geister der Vergangenheit“ trägst du mit dir, welche tauchen immer wieder auf?

Johan: Erst vorige Woche hörte ich ein Lied von Thelonious Monk im Radio, Abide with me (Bleib bei mir, Herr). Es ist eigentlich ein Kirchenlied.

Johan beginnt, aus voller Kehle zu singen.

Da kamen mir die Tränen, Angela. Meine Kindheit war sehr christlich geprägt, und diese Vergangenheit wird mich niemals loslassen. Das ist manchmal inspirierend, dass man sowas mit sich tragen kann. Und mit einem Beruf, wie wir ihn haben, kann das umgewandelt werden, zu Kunst führen. In meiner Arbeit mit Schauspieler*innen schöpfe ich persönlich mehr aus meiner Lebenserfahrung als aus reiner Textanalyse. Kunst hat viel mit alten, untoten Wesen und Erscheinungen zu tun. Ich bin jetzt 77 Jahre alt, ich trage ein ganzes Leben mit mir, dazu noch die Leben meiner Eltern und Großeltern. So viele alte Geister.

Angela: Als wir, die Dramaturgie und du, anfingen, über literarische Stoffe und Themen für die nächste Spielzeit nachzudenken, interessierte uns vor allem, in komplexen, dichten Narrationen Trost zu suchen, Vitalität, Kraft, Helligkeit. Denn wir haben um uns herum, auch in uns viel Erschöpfung entdeckt, auch Trauer und Wut. Es sind so krisengeschüttelte Zeiten. Wir wollten uns nicht in Dystopien versenken oder nur auf das blicken, was erschreckend, ernüchternd, angsteinflößend ist, sondern wir wollten danach fragen und graben, was uns zusammenhält und nach vorn blicken lässt. Nach Zugewandtheit, Schönheit, Hoffnung und Liebe suchen, selbst in ruinösen Konstellationen und Geschichten.

Und dann stießen wir an allen Ecken auf den Atem der Ahnen, auf die Knochen der Toten, auf die Leichen im Keller. Auf spukende Erinnerungen. Etwa in Sturmhöhe, Emily Brontës maßloser Liebes- und Rachegeschichte über Heathcliff und seine Geliebte Cathy, deren Geist ihn über das Moor und die Heide hinweg zu sich ruft. Oder in Eugene O’Neills Eines langen Tages Reise in die Nacht, in der das Gespenst des Vaters seine ganze Familie überschattet und sie ins Unglück stürzt. Das kennen wir doch alle: Man hat etwas im Gepäck, im Positiven wie im Disparaten, gesellschaftlich, familiär, persönlich. Wir müssen darüber nachdenken, woher wir kommen, wenn wir woanders hingehen wollen; wer wir waren, wenn wir jemand anders werden wollen. Wir müssen uns mit unseren Ahnen und unserem Erbe beschäftigen. Und mit neuen Gespenstern, die jetzt umgehen.

Johan: Meiner Meinung nach besetzt ein böses Gespenst die Gegenwart. Es ist auffällig, wie aggressiv Meinungen geäußert werden. Wie man Respekt und Zugewandtheit oft vermissen lässt. Wie Fakten verdreht werden und nur noch die eigene Meinung verstärkt werden soll. Man beachte allein den Hass im digitalen Raum. Wobei der Hass in der analogen Welt auch erschreckend ist. Wenn man liest, wie Lokalpolitiker*innen unter Beschuss stehen, sie sich nicht mehr zur Wahl stellen, weil sie Angst um sich und ihre Familien haben, das hat schon eine neue Qualität.

Angela: Ja, wir sind, zumindest in Teilen, eine zornige, überforderte Gesellschaft geworden, die den kleinteiligen Weg demokratischer Konsensbildung zunehmend in Frage stellt. Die das Solidarprinzip in Frage stellt. Die auf einfache Antworten auf komplexe Zusammenhänge pocht. Zumindest sind diese Ausschläge laut und unübersehbar geworden. Also müssen wir uns daran erinnern, was die Stärken demokratischer Prozesse sind. Mit unserem Stadtprojekt Exit Hambi von Malte Jelden zum Beispiel: Da gehen wir in die St. Anna-Kirche, um uns am Beispiel des Kampfes um den Hambacher Forst spielerisch in Demokratie zu üben. Die Kirche wird zum Escape Room, in dem Spieler*innen und Publikum im Laufe des Abends Informationen sammeln und Entscheidungen treffen, gemeinsam.

Johan: Wir wollen unseren Teil im Theater dazu beitragen, dass wir zusammenrücken, dass wir Wege suchen, sich einander zugehörig zu fühlen. Das ist eine Riesenkraft von Theater: die Einladung, sich zu verbinden.

Angela: Denken wir an unsere große Die Brüder Karamasow- Inszenierung, in drei Teilen auf zwei Bühnen: Mittendrin gab es ein Dinner im ganzen Haus, alle Zuschauer*innen nahmen an den Tafeln Platz, Fremde kamen miteinander ins Gespräch, eine Gemeinschaft entstand, für diesen Abend.

Johan: Ich denke auch so froh an die Inszenierung Trauer ist das Ding mit Federn von Christopher Rüping, die im März 2024 bei uns Premiere hatte. Das ist ein Abend, der das Publikum umarmt, der es einlädt mitzudenken.

Angela: Mitzufühlen mit dieser verwundeten Familie nach dem Tod der Mutter.

Johan: Mitzutrauern. Sich mitzufreuen. Das ist alles da.

Angela: Was Christophers Inszenierung auf solch herzzerreißende, zärtliche Weise gelingt: Einen Raum zu schaffen, der Bühne und Zuschauerraum umschließt, in dem alle zusammen sind. In der Vielfalt zu einem Atem zu finden.

Johan: Ich fragte mich, als ich im Publikum saß: Wie lebt meine Familie weiter, wenn ich tot bin? Mir ist wieder bewusst geworden, dass sie dann ohne mich weitergehen muss, dass dann andere Menschen neu hinzukommen, dass sie mich nicht als spukenden Geist mitnehmen soll auf ihrer weiteren Lebensreise. Ich habe viel gelacht während der Vorstellung, aber dieser Gedanke war neu, auch sehr konfrontierend.

Angela: Du wirst nächste Spielzeit mit Texten von Eugene O’Neill und Elena Ferrante auch zwei, allerdings sehr verschiedene, Familienstoffe bearbeiten. Was ist das Interessante an Familien für dich?

Johan: Es spielt immer eine Rolle, worein man geboren ist. Ich komme aus einer gewalttätigen Familie und bin im Laufe meines Lebens dann glücklicherweise komplett an- deren Familien begegnet. In O’Neills Theaterstück geht es um ein Verbrennen der Familie von innen: Obwohl sich dort alle lieben, gibt es so viele Konflikte, dass das Innere in Flammen aufgeht. In Elena Ferrantes neapolitanischer Saga wiederum geht es um zwei Frauen, die aus einem Armenviertel von Neapel kommen. Sie arbeiten sich aus der Armut heraus, aber immer wieder werden sie von der Gegenwart überwältigt oder von ihrer Vergangenheit eingeholt. Interessant ist: Wenn etwas Schreckliches passiert oder sie sich nicht gut behandelt fühlen, sprechen sie auf einmal wieder den Dialekt ihrer Jugend. Das passiert mir auch immer wieder, wenn ich mich verteidigen muss, wenn ich mich attackiert fühle. Das geht sofort an die Wurzeln meiner Existenz. Einer Existenz, die lange Zeit bedeutet hat, dass ich ständig damit beschäftigt war, meinen Kopf über Wasser zu halten. Ich musste immer kämpfen. Das ist ein Geist der Vergangenheit, der einfach nicht verschwindet. Wenn sich jemand im Geschäft vor mich drängelt, ist er zum Beispiel ganz schnell da. (lacht)

Angela: Wenn man Kinder hat, denkt man auch viel drüber nach, welche Geister man selbst mitgibt. Auch wenn man das nicht immer will. Ich habe manchmal den Eindruck, dass in mir eine Emotion aufkommt, ein Schmerz, von dem ich denke, der kommt nicht allein aus mir, hinter dem steckt eine alte Wunde, von der ich nichts weiß.

Johan: Da ist Theater natürlich ein fantastisches Medium. Hier kann man sein Verborgenes erforschen. Als Regisseur habe ich endlich, nach so vielen Jahren, den Raum, das auf der Bühne zu zeigen, zuzulassen. Das Unausgesprochene rauszulassen. Plötzlich stoßen zwei Menschen auf der Bühne aufeinander und wissen nicht, wie sie einander umarmen sollen. Und zwischen ihnen steckt die Gewalt der Geister.

Angela: Benjamin Abel Meirhaeghe, ein belgischer Countertenor, Performer und Regisseur, wird sich in einer Arbeit mit den langen Schatten, den Traditionen und Erinnerungen werfen, beschäftigen. Er lässt Pianist*innen, Tänzer*innen und Schauspieler*innen verschiedener Generationen aufeinandertreffen und fragt danach, wie Erinnerungen funktionieren, wie sie weitergegeben und zu etwas Neuem werden, wie Wissen transformiert wird, welche Rolle unsere Sinne dabei spielen. Im Mittelpunkt soll Mozarts Requiem stehen, dieses große unvollendete Werk, um das sich so viele Mythen ranken. Give up die alten Geister, sagt er – und dann los ins Neue, Unbekannte, in die Zukunft.

Johan: Früher, vor zehn oder 20 Jahren, hat man im Theater nach Themen manchmal krampfhaft gesucht, die einen interessieren. Heutzutage setzt man sich zusammen und die Themen rollen im Überfluss über einen her. Einerseits ist es natürlich ein Zeichen der Zeit, was ein Schrecken ist, andererseits ist es für Theater auch eine goldene Zeit. Wir denken sehr genau nach, was wir zeigen wollen, zeigen müssen.

Angela: Rückzug ins Private oder politischer Kampf? Oder geht beides? Das Private ist doch auch immer politisch. Brechts frühes Stück Trommeln in der Nacht stellt sich diesen Fragen, das wird Felicitas Bruckner auf der großen Bühne inszenieren. Uns interessieren auch die gegenwärtigen gesellschaftlichen Kontroversen darüber, ob Aufrüstung der richtige Weg zur Friedenssicherung ist. Und wer von der Friedenssicherung denn profitiert, sicherheitspolitisch. Und ökonomisch, klar. Man soll ja jetzt Rheinmetall-Aktien kaufen. Das niederländische Theaterkollektiv De Warme Winkel beschäftigt sich deshalb in ihrer nächsten Arbeit bei uns mit der Ikone der Friedensbewegung, Mahatma Gandhi. Und mit Waffen.

Johan: Und wir blicken auch mit Sorge auf den massiven Rechtsruck in Europa. Deshalb stellen wir jetzt ganz kurzfristig, im Juni 2024, einen neuen Text von Elfriede Jelinek vor –

Angela: – einer Autorin, der du seit vielen Jahren eng verbunden bist. Die Inszenierung wird zur politischen Intervention, auf den Treppen vor dem Theater, wir gehen nach draußen, in die Stadt. Jelinek schrieb den Text als Reaktion auf die CORRECTIV-Recherche, auf rechtsradikale Träume von einem „reinen“ Deutschland, von ethnischen Säuberungen, von Lagern für Bürger *innen unseres Landes, deren Eltern und Großeltern dieses Land mit aufgebaut haben.

Johan: Wir verbinden in dieser Arbeit unser Ensemble mit anderen Bochumer*innen, mit Migrant*innen, mit Geflüchteten, mit anderen Sprachen. Wir haben im Theater die Möglichkeit, Gemeinschaften zu bilden.

Angela: Einander zu halten und einander auszuhalten.

Johan: Was das anbelangt, ist Theater ein Ausnahmezustand, im guten Sinne.