Natürlich hat Corona das Theater erst einmal lahmgelegt.
Das Theater, wie wir es kannten.

Wir haben zunächst gefilmt, kleine neue Stücke, geschrieben für unser Ensemble, inszeniert als Kurzfilme.
Aber etwas fehlte. Erst wenn jemand zuschaut, wird es hell. Wenn jemand anders als wir selbst, die wir es machen, zuschaut.
Erst dann ist es Theater. Wir haben gemerkt, dass das, was uns so selbstverständlich erschien, etwas Besonderes ist und unersetzlich: dass Menschen, die zuschauen, mit ihrem Blick verändern, was wir tun, es vervollständigen.
Rückblickend war das Schauspielhaus Bochum dann eines der ersten Häuser, die nach dem ersten Lockdown im Juni 2020 wieder geöffnet haben, mit Die Befristeten von Elias Canetti, einem Stück, das sich mit der Lebensdauer beschäftigt und der Angst vor dem Tod, mit der Abwägung zwischen Sicherheit und Freiheit.
Mit dieser Arbeit wollten wir zeigen, wie existenziell es ist, gerade in diesen Zeiten Kunst zu zeigen.

Im zweiten Lockdown haben wir uns entschlossen, live zu streamen. Geistervorstellungen aus dem leeren Theater.
Das war für uns neu, wir haben das stetig weiterentwickelt. Der Zuspruch hat uns ermutigt.
Für mich ist beim Streamen ein Prinzip sehr wichtig: Der prinzipielle Unterschied zu einem Film muss immer deutlich sein, wir dürfen den Apparat / die Technik nicht verstecken. Man sieht, dass es live aufgenommen und übertragen wird. Zum Beispiel hat man beim Livestream von Penthesilea ständig die Kameras gesehen, die die Schauspieler*innen aufnahmen.

Es gibt Erfahrungen, über die ich nachdenke. Darüber, wie Menschen sich verhalten in Krisensituationen, auch gegenüber der Kunst.
Natürlich war und ist der Lockdown für alle sehr schwierig, dieser Stress, diese Anspannung und die Angst. Um sich selbst, um die vielen, deren Leben nicht nur ausgesetzt, sondern wie zerstört daliegen. Darum, wie man weiterleben, weiter arbeiten, überhaupt existieren kann. Darum, wie eine Gesellschaft – und unter welchen Bedingungen – wieder aufstehen und sich neu gestalten kann.
Als wir im Februar dieses Jahres für eine Inszenierung Künstler*innen aus Chile eingeladen hatten, ist uns das dann später übelgenommen worden, es gab wütende Briefe an die Zeitung und Kommentare, die uns beschuldigten, wir hätten die Sicherheit der Menschen im Theater und in Bochum fahrlässig gefährdet, sogar die brasilianische Mutante des Coronavirus in der Stadt verbreitet. Was definitiv und beweisbar nicht der Fall war.
Das Theater praktiziert eines der sichersten Sicherheitskonzepte, was Corona anbelangt. Die damit einhergehenden Einschränkungen machen künstlerisch nicht immer Spaß, aber sie haben unter Sicherheitsaspekten sehr gut funktioniert.
Dafür danke ich allen Beteiligten.
Nun schrieben manche auch, warum wir überhaupt Künstler*innen aus dem Ausland beschäftigen würden, ob es denn nicht „genug gute deutsche“ Künstler*innen gebe. Und wieso überhaupt dieser Aufwand für „ein paar Proben“.
Ich bemerke, dass Kunst und Theater von bestimmten Seiten zunehmend unter Rechtfertigungsdruck geraten. Und ich spüre am eigenen Leib, was es bedeutet, mit nationalistischen Parolen öffentlich angegriffen zu werden.
Meine Antwort darauf kann ich am besten geben mit unserer Kunst.
Internationalität ist für mich der Kern der Kunst. Mir ist es wichtig, dass viele Nationalitäten hier im Theater zusammenarbeiten.
Es geht mir darum, Einflüsse unterschiedlicher Kulturen zu erhalten, um unterschiedliche Erfahrungen, Meinungen, Ideen.
Es geht um Inspiration. Das Ensemble des Schauspielhauses in Bochum ist divers, weil die Welt divers ist. Und nicht Weiß.
Und dieses Ensemble fordert mich auch heraus, was mir wirklich Freude macht, weil ich mein ganzes Denken und Fühlen überprüfen und umstellen muss.
Ich will Ihnen dafür ein Beispiel geben: In unserer Inszenierung Mysterien nach Knut Hamsun beschrieb sich die Hauptfigur an einer Stelle als schwarz, als schwarzer Engel.
Darüber haben wir lange diskutiert. Was bedeutet das heute eigentlich, wie wird es von wem verstanden, kann man das noch sagen? Womit verbindet man „schwarz“? Darüber haben wir lange nachgedacht, obwohl der Autor Knut Hamsun gar nicht über Hautfarbe, über People of Colour gesprochen hat und er „schwarz“ in seinem Text nicht in diesem Sinn negativ wertend gemeint hat. Aber wir haben jetzt damit zu tun. Wieder damit zu tun. Und die Verunsicherung ist so groß. Ich möchte nicht, dass unser Publikum wieder hört, dass „schwarz“ etwas Negatives ist. Jedenfalls nicht im Bezug auf Menschen.
Dass „schwarz“ auch Dunkelheit assoziiert, Nacht, und damit Angst, die Schattenseite von etwas Gutem, das ist ein anderer Aspekt. Ein nur kleines Beispiel für eine komplexe Debatte, die weit in unsere Strukturen hineinreicht.
Wir brauchen diese Auseinandersetzung miteinander darüber, und ich setze mich dafür ein, dass sie jetzt und in Zukunft weitergeht.
Bei uns stehen Schauspieler*innen of Colour auf der Bühne, und es werden Regisseur*innen of Colour, mehr Mitarbeiter*innen of Colour, Mitarbeiter*innen mit Migrationsgeschichte kommen.
Auch ein Stoff wie J. M. Coetzees Roman Schande (Disgrace), inszeniert von Oliver Frljić, wird sicherlich eine zu diesen Themen interessante Theateraufführung.

Ich selber möchte mich zukünftig auch mit der Problematik des Klimawandels und der Umweltzerstörung künstlerisch auseinandersetzen. Das ist etwas, was in unserem ganzen Theater immer wichtiger wird, in unterschiedlichen Bereichen. Etwas, was für alle auf der Welt von Bedeutung ist und was uns „nach Corona“ immer mehr beschäftigen wird.
Ich lese zurzeit das Buch Gesang der Fledermäuse der Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk, eine zeitlose Hymne auf die Natur und ihre Komplexität. Mich interessiert, wie so ein Stoff im Theater gemacht werden kann.

In der neuen Spielzeit werden am Schauspielhaus Bochum etliche großartige Regisseur*innen inszenieren, viele erstmals. Wir können es kaum erwarten, sie Ihnen zu präsentieren.
Auch wurden im vergangenen Jahr einige Stücke geprobt, die noch nicht vor Publikum gespielt werden durften. Wir sind euphorisch, sie endlich zeigen zu dürfen.
Wir wollen alle hoffen, dass das Publikum ab September wiederkommen darf. Bestimmt noch mit Maske und mit Abstand voneinander. Aber wir werden das Coronavirus mehr und mehr meistern, und in einem Jahr wird das Haus hoffentlich wieder voll sein können.
Und darauf freue ich mich mehr, als ich sagen kann!

Etwas Schönes wird in der neuen Spielzeit auch sein, dass Tanz wieder Teil unseres Programms wird. Wir laden das berühmte Nederlands Dans Theater ein, verschiedene Aufführungen in Bochum zu zeigen.
Unsere Bühne ist sehr geeignet für Tanz. Nachdem wir 2018/2019 schon neue Choreograf*innen nach Bochum geholt haben, knüpfen wir damit weiter an die traditionsreiche Zeit an, als das Schauspielhaus mit dem Tanzensemble von Reinhild Hoffmann de facto ein Mehrspartenhaus war. Und Musik bleibt wichtig in unserem Programm: Pop-Musik abseits des Mainstreams, ausgewählte klassische Musik, musikalische Theaterabende. Nicht zu vergessen die Kunstinstallationen im Oval Office.

Diversität ist der natürliche Zustand der Welt. Vielfalt war immer, ist und bleibt, meine Mission für das Schauspielhaus Bochum.
Diversität und Vielfalt sind das, was wir weiterverfolgen müssen. Ich denke, nach dieser Pandemie mehr als je zuvor. Unlock statt Lockdown. Türen auf, Köpfe auf, Herzen auf.
Mein Wunsch ist, dass dieses Theater wieder und weiterhin der Ort ist, an dem wir Vielfalt leben, erproben, erweitern – mit Ihnen, mit Euch!

Ihr und Euer
Johan Simons
Intendant Schauspielhaus Bochum