Édouard Louis ist jung und zornig und erhebt seine Stimme gegen jede soziale Ungerechtigkeit. Sein Credo als Schriftsteller lautet: „Literatur muss kämpfen, für all jene, die selbst nicht kämpfen können.“ Louis weiß, wovon er spricht. Als Jugendlicher verlässt er sein Zuhause, weil er die Enge nicht länger erträgt, die Ablehnung und Gewalt, die er von seinen Eltern, vor allem seinem Vater, erfährt. Er beginnt ein neues Leben als junger schwuler Mann in Paris, macht aus seiner Lebensgeschichte einen Roman, das wütende Dokument einer Selbstbefreiung: Das Ende von Eddy. Er wird der Shootingstar der Literatur- und Intellektuellenszene Europas. Aber er ist nicht fertig mit der Geschichte seiner Familie – die auch die Geschichte einer Generation und eines Landes ist. Als Kind hat Louis miterlebt, wie sein Vater nach einem Arbeitsunfall Opfer der Sozialkürzungen wurde und nur noch als Straßenfeger arbeiten konnte. Richtete sich Louis’ Wut in seinem ersten Buch gegen seine Eltern, ist er in Wer hat meinen Vater umgebracht voller Mitgefühl für seinen Vater und versteht nun dessen Wutausbrüche und Verzweiflung. Seine Rückkehr zu ihm wird zu einer tief bewegenden Hommage an den eigenen Vater und dessen gescheiterte Träume.

Und mehr als das. Es ist das Porträt von Menschen, die als Schwächste in der Gesellschaft keinen Platz haben. Menschen, die übersehen und zurückgelassen werden, von Sozialpolitiker*innen, von den Herrschenden, über Jahrzehnte hinweg. Édouard Louis rechnet ab: mit einem System und seinen Entscheidungsträgern. „Ich will, dass diese Namen ebenso unvergesslich werden wie Shakespeares Richard III. oder Jack the Ripper.“

Der junge polnische Regisseur Mateusz Staniak bringt diesen emotionalen und dringlichen Stoff in einer Region auf die Bühne, die mit dem Ende des Bergbaus und dem Beginn der postindustriellen Zeit mit ähnlichen gesellschaftlichen Fragen konfrontiert ist. „Das Kernproblem unseres politischen Systems ist, dass es immer noch auf Erfahrungen von privilegierten Menschen basiert, für die Begriffe wie ,Armut‘ und ,nichts haben‘ völlig abstrakt sind“, sagt er. „Daraus folgen Stigmatisierung von Menschen und der Verlust ihrer Würde. Sie erzeugen einen Domino-Effekt, der zu Entfremdung und Hoffnungslosigkeit führt. Unsere Aufgabe ist es, die unterdrückende Macht zu verstehen, die durch die ungleiche Verteilung von Wissen und Besitz entsteht.“ Wer hat meinen Vater umgebracht ist sein Regiedebüt in Deutschland.

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So.31.10.
Premiere
  • Wer hat meinen Vater umgebracht
  • nach Édouard Louis
  • aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel
  • Regie: Mateusz Staniak
  • Premiere: 31.10.2021
Team: