Behindert, krank, anders, handicapped, differently abled, challenged, eigenartig, sonderbar, besonders, verrückt … Das Narrenschiff ist Teil einer Beschäftigung der Berliner Performancegruppe Monster Truck mit „geistiger Krankheit“, die in der Spielzeit 2018/2019 mit dem in einer Psychiatrie spielenden Revolutionsdrama Marat/Sade nach Peter Weiss am Schauspielhaus Bochum begonnen hat.

Die unendliche Reise von einhundert Narren ins fiktive Narragonien

In der mittelalterlichen Moralsatire Das Narrenschiff aus dem Jahr 1494, verfasst von Sebastian Brant im sogenannten Deutschen Humanismus, machen sich 100 Narren auf die Reise ins fiktive Narragonien. Natürlich kommen sie dort nie an, erleben aber auf ihrer Fahrt unterhaltsame Abenteuer, rühren fleißig Narrenbrei und singen sich die Kehle aus dem Hals. Die realen historischen Narrenschiffe waren weit weniger unterhaltsam, wurden doch im Mittelalter geistig Kranke und Behinderte mit ihnen aus der Stadt gebracht und auf dem offenen Meer dem Tod überantwortet. In der Mittelalterstadt Gent, wo die Inszenierung als Teil einer zweijährigen Koproduktion zwischen Schauspielhaus Bochum und NTGent entsteht, machen sich Monster Truck gemeinsam mit geistig behinderten Performer*innen zu Fuß auf eine neuzeitliche Pilgerfahrt nach Narragonien – und schließlich Bochum.

Der Autor Sebastian Brant (1457 – 1521) war Jurist und Kanzler der Freien Reichsstadt Straßburg. Er war einer der produktivsten Autoren lateinischer Andachtslyrik und Herausgeber von antiken Klassikern. Das Narrenschiff mit seinen satirischen Lebensweisheiten begründete seinen schriftstellerischen Ruhm. Die Auseinandersetzung mit der Repräsentation von Macht und Ohnmacht ist zentral im Theater von Monster Truck. In den Arbeiten trifft Science-Fiction auf vergangene Epochen, Hollywood-Ästhetik auf die Schaustellerpraxis des 19. Jahrhunderts, Kunst-Konventionen verbinden sich mit Naturkunde, Politik und Entertainment. Monster Truck wurde 2005 von Studierenden der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen gegründet und arbeitet seitdem in wechselnder Besetzung in den Bereichen Performance und Bildende Kunst. Das Zentrum der Gruppe bilden aktuell Sahar Rahimi und Manuel Gerst mit dem Dramaturgen Marcel Bugiel. Ihre Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet. Sie touren international und werden auf renommierten Festivals präsentiert. 2019 erhielt Monster Truck den renommierten Tabori Preis als höchste Auszeichnung für die Freien Darstellenden Künste in Deutschland.

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  • Eine Koproduktion mit Monster Truck und dem NTGent
    Gefördert im Fonds Doppelpass der Kulturstiftung des Bundes
  • Text: nach Sebastian Brant
    Konzept, Regie: Monster Truck
  • #Uraufführung #Schauspiel #Performance
Premiere: Juni 2020
Team:
  • Text: nach Sebastian Brant
    Konzept, Regie: Monster Truck