Auf den ersten Blick ist Der Kissenmann eine monströse Kriminalgeschichte: Zwei Kinder sind tot, ein Mädchen wird vermisst. Die Polizeiinspektoren Tupolski und Ariel stoßen auf eine Erzählung, die sich gespenstisch mit dem realen Verbrechen deckt. So landet deren Autor Katurian in ihrem Verhörraum: Sind seine blutigen Texte, alle voller malträtierter Kinder, Anleitungen für die Morde gewesen, oder gar Insiderwissen eines Täters? Und was hat Katurians Bruder Michal, der im Verhörraum nebenan festgehalten wird, mit allem zu tun?

Auf den zweiten Blick zeigen sich unzählige Fallstricke, die aus dem Kriminalfall ein virtuoses Spiel mit Fakt und Fiktion machen: So verbindet die beiden Brüder ein dunkles Familiengeheimnis, das mit realer Gewalt und literarischer Ermächtigung zu tun hat. Auch die beiden Cops, deren Hang zur Selbstdemontage zuweilen beeindruckend ist, zeigen traumatische Wunden. Hinzu kommt, dass sich Brüder und Ermittler in einem totalitären Staat befinden, in dem ein Verdacht als Beweis, eine Aussage unter Folter als legitimes Geständnis gilt und statt eines ordentlichen Gerichtsverfahrens schnelle Exekution droht. Doch stellen sich die Schmerzensschreie von Katurians Bruder, der angeblich nebenan misshandelt wird, als fingiert heraus, das Blut an den Händen des Polizisten als unecht, die präsentierten Leichenteile als Fake und das vermisste Mädchen als quicklebendig. Was und wem zum Teufel ist hier zu glauben?

Martin McDonagh, als Dramatiker (Der Leutnant von Inishmore), Drehbuchautor und Regisseur (Three Billboards Outside Ebbing, Missouri, Brügge sehen … und sterben?) für seinen Humor der Finsternis berühmt, hat in Der Kissenmann eine pulp fiction entworfen, die Tarantino das Fürchten lehren würde. Wo hier die Wahrheit, wo die Lüge, wo Realität, wo Fantasie anzutreffen sind, wird zur diabolisch jonglierten Verhandlungsmasse: „Es geht darum, dass man sich fragen soll, was die Lösung ist, aber in Wirklichkeit gibt es gar keine Lösung, und es gibt nichts Schlimmeres als das, oder? Als das beides zusammen.“

Guy Clemens, Ensemblemitglied am Schauspielhaus Bochum (zu sehen u. a. in Asche zu Asche), gibt mit Der Kissenmann sein Regiedebüt. Mit vier Spielerinnen begibt er sich auf eine Reise zu den versehrten Kindern in uns allen und sucht im Labyrinth der unendlichen Möglichkeiten, das sich Literatur nennt, nach einer wirklich guten Geschichte.

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  • Premiere: dates will follow
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