Das englische Wort Noise kann als Geräusch übersetzt werden, aber auch als Lärm, Störung, Rumoren – Rauschen. Noise bezeichnet das, was gewöhnlich klanglich stört. Denn dieses Rauschen ist mehr als Klang. Es ist eine Überlagerung von Schwingungen unterschiedlicher Lautstärke, ein Geräusch, das sich aus vielen Geräuschen zusammensetzt. Das kann auch sein: aus dem Rufen von Parolen und dem Schreien von Menschen, den Schlägen von Kochlöffeln auf Töpfe, von Händen gegen Wände oder aus Tritten gegen Bushaltestellen. Das würden wir schon eher als Rumoren bezeichnen.

Auch die Theaterautorin und Regisseurin Manuela Infante versteht Noise als Ausdrucksart der politischen Unruhe. Wie das Rumoren, das 2019 auf den Straßen von Santiago de Chile, wo sie lebt, zu hören war, ausgelöst durch die geplante Erhöhung der U-Bahn-Preise. Die Demonstrationen verstärkten sich zu landesweiten Protesten gegen soziale Ungleichheit und für nun erfolgende Verfassungsreformen, wohlgemerkt ohne einzelne Anführer*innen zu ernennen. Für Manuela Infante ist dieses Rauschen der Klang der Stimmen der Vielen, die sich lautstark zur Wehr setzen. Vergleichbar mit Protestbewegungen wie Black Lives Matter, die zwar weltweit Personen verbinden, aber nicht zentral gesteuert, sondern als vielstimmige Menschenmenge zu lautstarkem Protest aufrufen. Mit ihrem Stück Noise. Das Rauschen der Menge möchte Manuela Infante der Frage nachgehen, ob dieser Lärm der wütenden Menge nicht als Störung, sondern als Signal für Veränderung begriffen werden kann.

Die Chilenin Manuela Infante zählt zu den international zurzeit spannendsten Theatermacher*innen. Ihre Arbeit zeichnet sich durch die szenische Artikulation philosophischer Fragestellungen aus. 2019 gewann sie mit ihrem Stück Estado Vegetal, in dem sie sich am Beispiel von Pflanzen kritisch mit gegenwärtigen Gesellschaftssystemen auseinandersetzt, den Werkauftrag des Stückemarkts des Berliner Theatertreffens. Am Schauspielhaus Bochum, dem Partnertheater des Stückemarkts, entsteht nun die Uraufführung ihres neuen Stücks. Sie hat es mit und für die Stimme des Bochumer Ensemblemitglieds Gina Haller geschrieben und sich mit ihr an eine poetisch-politische Untersuchung von Lärm als neuer vielstimmiger Sprache der Menge gemacht.

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  • Noise. Das Rauschen der Menge
  • von Manuela Infante
  • aus dem Englischen von Felicitas Arnold
  • Text, Regie: Manuela Infante
  • Mit: Gina Haller
  • Uraufführung
  • Premiere: 02.07.2021
Preisträger*in des Stückemarkt Werkauftrags im Rahmen des Theatertreffens 2019 gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb
Team:
Rollenbesetzung:
Pressestimmen:

Gina Haller und Sounddesigner Diego Noguera versetzen uns mit ihrem zwischen Bühne und Tonpult getanzten Paso Doble in einen 90-minütigen Rausch der Sinne, beglückend und bedrückend zugleich. Noise, das Erklingen aller verschiedener Frequenzen zur gleichen Zeit, ist zugleich ein Spiegel der vielstimmigen chilenischen Proteste von 2019. Gina Haller dabei zu erleben, wie sie diese Polyphonie auf der Bühne ausagiert, ist einfach nur grandios.
nachtkritik.de, Karin E. Yeşilada

Das Solo, mitreißend gespielt und intoniert von Schauspielerin Gina Haller, ist politisch, aber weit davon entfernt, agitatorisches Polittheater zu sein. Es ist poetisch bis an die Kitschgrenze. Und es entwickelt eine eigene narrative Logik, die hegemonialen Diskursen und Erzählweisen vergnügt den Kampf ansagt.
Süddeutsche Zeitung, Cornelia Fiedler

Ein Abend für Licht, Lärm und ein großes Talent.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Hubert Spiegel

Mehr Pressestimmen

Man hat Gina Haller in Bochum schon in vielen ausdrucksvollen Rollen gesehen, hier erreicht ihre Darstellungs- und Verfremdungskunst eine neue Höhe.
Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Jürgen Boebers-Süßmann