Die chilenische Theatermacherin Manuela Infante gibt ihr Debüt am Schauspielhaus Bochum

Im Juli 2021 wird Noise. Das Rauschen der Menge, die neue Arbeit der Autorin und Regisseurin Manuela Infante, in Bochum uraufgeführt, ein Auftragswerk des Stückemarkts des Berliner Theatertreffens. Hierfür beforscht Infante die Beziehungen von Lärm und Klang, von Stimme und Körper, Individuum und Masse, von dem, was im Hintergrund und was im Vordergrund zu hören ist – und was sich dieser Einordnung entzieht.

Was sind die Geräuschkulissen im Leben dieser Künstlerin, die zu den spannendsten Theatermacher*innen ihrer Generation gehört?

Manuela Infante wurde im Jahr 1980 in Chile in der Stadt Santiago geboren.

Manuela Infante: Das knisternde Geräusch von einen Bus verschlingenden Flammen in der Totenstille der Stunden vor dem Morgengrauen. Es ist das erste Anzeichen dafür, dass es ein Tag gewaltsamer Proteste gegen die Diktatur von Augusto Pinochet sein wird.

Mit 21 Jahren schrieb Manuela Infante ihren ersten Text für ein Theaterfestival ihrer Universität. Ausgehend nicht von dem Interesse, Schriftstellerin zu werden, sondern davon, einen Text zu finden, der ihren Regie-Bedürfnissen entsprach. Sie suchte nach einem Text, der Raum für andere Bühnenkräfte, für Licht, für Bühnenbild, für Schauspiel, für Stille ließ, die Inszenierung zu durchdringen. Sie wollte einen Text schreiben, der Platz schafft. So schrieb sie einen Text über Arturo Prat, einen Marine-Nationalhelden. Weil seine Geschichte in den Nachrichten zu sehen war, während sie versuchte, diesen Text voller Leerräume zu schreiben.

Es war der 21. Mai 2001, und die dreistündige Parade zum Gedenken dieses Helden lief im Fernsehen. Das Schlagen und Trommeln der Militärparade im Fernseher, dem niemand zusah im Wohnzimmer meines Elternhauses. Ich dachte, das ist gut, jede*r kennt diese Geschichte. Wenn ich ein Stück über diesen Marine-Helden schreibe, muss ich meine Theaterzeit nicht damit verbringen, die verdammte Geschichte tatsächlich zu erzählen. Ich habe es nie gemocht, Theaterzeit mit dem Erzählen von Geschichten zu verbringen. Es ist eine zu wertvolle Zeit.

Prat wurde ihre erste Theaterinszenierung als Dramatikerin und Regisseurin zusammen mit der Theatergruppe Teatro de Chile, die sich ursprünglich aus Schauspieler*innen und Theatermacher*innen der Theaterabteilung der Universität von Chile zusammensetzte – eine umstrittene Aufführung.

Ich lege meine Hand auf den Arm des Beleuchters, um ihn daran zu hindern, die Show jetzt sofort zu beginnen. Seine Bewegung erstarrt. Wir lassen die Dunkelheit sich ein paar Sekunden länger als gewöhnlich ausdehnen. Wir können die Schreie auf der Straße hören, die Journalist*innen, die Kämpfe zwischen den Demonstrierenden und den Anhänger*innen des Stücks. Ich kann mein Herz in meinen Ohren klopfen hören.

Rhythmus spielt eine wichtige Rolle in Manuela Infantes Theaterverständnis – das Theater als rhythmischer Raum. Dies könnte auch von ihrem musikalischen Hintergrund herrühren: 2010 begann sie, mit der Indie-Pop-Band Bahía Inútil („nutzlose Bucht“) Musik zu machen.

Als ich das erste Mal live spiele, ist das Lampenfieber quälend. In dem Moment, in dem ich mit dem ersten Lied beginne, höre ich kaum etwas anderes als meine Stimme, die in meinem Kopf hallt. Ich bin die Sängerin. Meine Stimme klingt als würde sie in zwei Höhlen gleichzeitig widerhallen, in der Höhle in meinem Kopf und in der Höhle, die diese winzige Bar ist. Ich habe mich noch nie so entblößt gefühlt.

Manuela Infante ist es gewohnt, mit ihren Stücken auf Tour zu gehen, um sie einem internationalen Publikum zu zeigen. Sie hat ihre Arbeiten in den USA, Argentinien, Brasilien, Peru, Mexiko, Deutschland, Spanien, Irland, Italien, den Niederlanden, der Schweiz, Singapur, Korea und Japan gezeigt. 2019 erhielt sie den Werkauftrag des Stückemarkts des Berliner Theatertreffens mit ihrem Stück Estado Vegetal, in dem sie zeitgenössische Gesellschaftssysteme auch aus der Perspektive von Pflanzen kritisch untersucht – der Versuch eines nicht-Mensch-zentrierten Theaters.

Marcela hebt ein Blatt von der Straße auf, als wir zum Baryshnikov Arts Center in New York gehen, wo wir an den ersten Schritten zu Estado Vegetal arbeiten. Sie bringt es mit in den Proberaum. Ich schalte das Looper-Pedal ein. Marcela hält das Blatt ans Mikrofon. Sie zerdrückt es in ihrer Hand. Sie nimmt auf. Das Geräusch eines trockenen Blatts, das zerdrückt wird,  kommt aus den Lautsprechern. Dann nimmt sie darüber eine weitere Schicht des gleichen Geräuschs auf. Das macht sie sechs, sieben, acht Mal. Schicht um Schicht. Als sich das Blatt in ihrer Hand zu braunem Staub verwandelt hat, hören wir alle zu unserer Überraschung, während sie den Staub auf den Boden fallen lässt, wie aus den Lautsprechern jetzt der Klang eines tosenden, wütenden Feuers kommt: Das ist es, was das Blatt in seinen Schichten verborgen hatte.

Als Künstlerin interessiert sie sich besonders für eine Politik des Pluralen – der Vielheit, ohne Verschmelzung zur politischen Einheit – mit dem Ziel eines nicht-menschlichen Theaters, das über eine anthropozentrische Perspektive hinausgeht.

„10,9,2,2...6,5,4... 10, 9, 8...3,2,1 Frohes Neues... 8,7,6... Was? 4,3,2...“ Das ist der Klang des chaotischsten Neujahrs-Countdowns, den ich je gehört habe. Millionen von Chilen*innen haben sich auf der „Plaza de la Dignidad“ (dt. Platz der Würde) versammelt, dem Platz, den wir nach monatelangem sozialem Aufstand und Protest zur Feier der Ankunft des Jahres 2020 umbenannt haben. Es gibt keine Autorität in der Menge, die angibt, wann der Countdown beginnt. So wie es während der gesamten Revolution keine Autorität oder Anführung gegeben hat. Niemand würde es wagen, so etwas zu versuchen. Weitere Countdowns beginnen, während sich andere bereits umarmen, während Feuerwerkskörper nach dem Zufallsprinzip überall explodieren und in den Himmel rauschen. Es ist der Neujahrs-Countdown der Vielen – der Multitude. Er hat keinen klaren Anfang, er endet immer wieder. Die Zeit hat sich in eine Vielzahl von Zeiten aufgelöst. Es ist schön, es fühlt sich an wie die wahre Form der Zeit.

2019 kam Manuela Infante auf die Idee zu ihrer neuen Produktion Noise, die am 15. April 2021 im Schauspielhaus Bochum ihre Premiere haben wird.

Hunderte von Menschen stehen vor einer Metallwand, die den Eingang zu einer Telefongesellschaft mitten auf dem zentralen Platz von Santiago beschützt. Sie alle hämmern mit von der Straße aufgehobenen Steinen auf die Mauer ein. Die Kakophonie der metallischen Schläge erzeugt einen sehr lauten Klang. Ich sehe einen engen Freund schlagen. Ich gehe zu ihm. Er reicht mir seinen Stein. „Sei vorsichtig, es macht süchtig“, sagt er. In den nächsten zwei Stunden hämmere ich mit hundert Fremden gegen die Wand. Wir schlagen hart. Mit Wut. Es ist ermüdend, aber niemand will aufhören. Als ich schließlich gehe, fühle ich mich so leicht und glücklich wie seit Wochen nicht mehr.

Aufgezeichnet von Felicitas Arnold

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