Angst vor dem Tod? Kennen die Menschen nicht mehr. In der Zukunft in Elias Canettis Theaterstück Die Befristeten ist das Sterbedatum für alle Menschen festgelegt, und zwar von Geburt an. Sie tragen ihre Lebenserwartung sogar im Namen, heißen 88 oder 46 oder auch nur zehn. Die Menschen in dieser Gesellschaft sind scheinbar sorglos; denn sie werden nicht mehr vom Tod überrascht, sondern wissen, wie viel Zeit – welche Frist – ihnen zum Leben bleibt, und können diese effektiv nutzen. Es gibt keine tödlichen Unfälle mehr, keinen Mord im herkömmlichen Sinn, die ältesten Menschen gelten allgemein als am wertvollsten, und der Tod heißt romantisch „Augenblick“.

Doch ein Mann namens Fünfzig hinterfragt diesen vermeintlich paradiesisch zivilisierten Zustand. Er misstraut der Fehlerlosigkeit des Systems und insbesondere der unangefochtenen Wächterinstanz, dem so genannten Kapselan. Zum Nachweis ihres vorschriftsmäßigen Todes tragen alle Menschen eine versiegelte Kapsel bei sich, in der Geburtstag und Sterbejahr dokumentiert sein sollen. Der Kapselan ist der Einzige, der nach dem Tod die Angaben prüft. Fünfzig erkennt eine Lücke im System und zettelt eine Revolte an. Doch werden die Menschen wirklich glücklicher sein, wenn sie aus der Vorbestimmtheit entlassen sind?

Die Befristeten des vielsprachigen Autors und Literaturnobelpreisträgers Elias Canetti (1905 – 1994) ist ein verblüffendes Gedankenspiel. Mit der Wiederentdeckung dieses Stücks öffnet das Schauspielhaus Bochum nach 13 Wochen Corona-Lockdown erstmals wieder seine Türen. Intendant Johan Simons inszeniert in „kontaktlosen“ Zeiten in einem umgebauten Schauspielhaus und fragt mit Canetti nach dem Wert des Alters, nach Nähe und Vereinzelung, Vertrauen und Misstrauen. In einer Vielzahl schlaglichtartiger Szenen entfaltet sich ein Menschheitskaleidoskop, das uns über unseren Umgang mit dem Tod nachdenken lässt. Wie sähe unser Leben mit einer klar definierten Grenze aus? Was ist aber, wenn uns gewahr wird, dass wir jederzeit sterben können: Sind wir bereit, aus Todesangst Einschränkungen unserer Freiheit in Kauf zu nehmen? Wie groß ist unsere Sehnsucht nach Unsterblichkeit – und wie kommen wir ihr am nächsten?

 

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Video-Trailer Die Befristeten
(c) Siegersbusch Film
  • Premiere
  • Premiere: 10.06.2020
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Berührendes Theater auf Abstand: Johan Simons inszeniert mit viel Gespür für die Zeit.
Süddeutsche Zeitung, Alexander Menden

Endlich wieder Theater! Diese triumphale Haltung durchtränkt jeden einzelnen Moment von Johan Simons' Inszenierung von Elias Canettis ‚Die Befristeten‘.
nachtkritik.de, Sascha Westphal

Ein kluger Kommentar zum Zeitgeschehen.
Deutschlandfunk, Dorothea Marcus

More press voices

Theater als Ort der Aufklärung und der Selbstbesinnung, ein Gegengift gegen die Angst in Zeiten der Pandemie, aber auch gegen die immer irrer sich gebärdende Spaßgesellschaft. Genau dafür brauchen wir die Kunst und die Bühne.
Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Jürgen Boebers-Süßmann

Das Bochumer Ensemble verlangt viel vom Publikum. Aber es gibt noch mehr. An diesem ebenso konzentrierten wie kommunikativen Abend entsteht Theater als Gemeinschaftserlebnis neu. Im gemeinsamen Nachdenken kommt man sich nah, auch wenn körperlich die Abstandsregeln gewahrt bleiben.
Südwestrundfunk, Stefan Keim

Ein gespenstisch gutes Stück ist das für die Frage: Sind wir bereit, aus Todesangst und Angst vor dem Fremden Freiheits-Einschränkungen in Kauf zu nehmen?
Rheinische Post, Max Kühlem

Bei Wahrung aller Abstandsgebote war das dann doch ein Abend der seltsamen Gemeinsamkeiten: die Spieler im ganzen Saal und auf der Bühne füllten die Leerräume mit ihren Körpern, Stimmen und Gedanken, sie stellten über scheinbar unüberbrückbare Entfernungen Verbindungen her, sie waren leibhaftig anwesend, jonglierten mit unserer Präsenz und Aufmerksamkeit.
Nürnberger Nachrichten, Bernd Noack