Liberté, Egalité, Pfefferminztee. Zusammen mit den geistig gestörten Insassen einer Nervenheilanstalt probt der Marquis de Sade den Aufstand. Der Tod des Revolutionsführers Jean Marat in seiner Wanne wird wieder und wieder neu gestellt. Wann ist das Bild perfekt? Wer bestimmt über wen? Wer darf wen spielen? Wer bleibt bis zum Ende dabei? Ausgehend von Peter Weiss’ berühmtem Drama Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade inszeniert die preisgekrönte Performancegruppe Monster Truck die Vorlage als Stück im Stück: als Zwangsgemeinschaft in einer geschlossen Klinik, einer reglementierten Behindertenwerkstatt, einer abgegrenzten Theaterbühne – der Willkür von anderen ausgeliefert. Ein Spiel im Spiel zwischen Inklusion und Exekution, Macht und Ohnmacht. Willkommen zur Premiere einer offenen Probe eines unfertigen Stücks. Nonsens statt Konsens. Macht kaputt, was euch kaputt macht.
Die Inszenierung ist Teil des zweijährigen Projekts Irrsinn in Kooperation mit dem NTGent

Was interessiert euch an geistig Kranken?

Manuel Gerst: Eine prägende Arbeit war unsere Performance Dschingis Khan mit geistig Behinderten“, bei der es um Stigmatisierung und Unterstellung ging. Diese Themen wollen wir mit psychisch Kranken weiter untersuchen: Wann wird aus einer depressiven Verstimmung eine gefährliche Krankheit? Kann man einem Menschen seine geistige Krankheit ansehen? Warum habe ich vor einem Schizophrenen mehr Angst als vor einem Autisten?

Wie kommt die Revolution ins Spiel?

Sahar Rahimi: In den 70er Jahren forderte das Sozialistische Patientenkollektiv, „aus der Krankheit eine Waffe zu machen“ und durch eine Revolution „die Gesellschaft gesunden zu lassen“. Es geht um den Ausbruch aus geschlossenen Anstalten, die – nach neuen Gesetzesentwürfen – immer mehr staatlichen Gefängnissen gleichen werden.

Welche Relevanz hat Peter Weiss heute?Marcel Bugiel: An dem Text von Peter Weiss interessieren uns zwei Pole: Der Marquis de Sade hat den Begriff des Sadismus geprägt, der ein großes Machtgefälle impliziert. Marat steht wiederum für die Revolution, die die Unterschiede „umwälzen“ will, egal auf welche Kosten. Unter den Gesichtspunkten von Auflösung von Hierarchien, Nivellierung von Unterschieden und Machtmissbrauch, nicht zuletzt am Theater, scheint uns der Text höchst aktuell.


Vielen Dank an: Tugrul Arslanlar, Kai Hermann, Alice Meisberger, Miriam Michel, Gisela Pastoors, Maren Pleßer, Tanja Reifferscheidt, Lena Zänger

Mehr Weniger
  • Koproduktion mit Monster Truck und dem NTGent
    In Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe Bochum e.V.
    Mit Unterstützung der Psychiatrischen Klinik Bochum-Ehrenfeld
  • Text: nach Peter Weiss
  • Regie, Bühne, Kostüme: Monster Truck
  • #Schauspiel
Mit: Daniel Beisbart, Jörg Eiben, Rolf Fey, Manuel Gerst, Alexandra Kamulski, Ralf Kons, Roswitha Kons, Anne Nilson, Sahar Rahimi, Lino Reifferscheidt, Nicole Schnippenkötter, Sabine Schrader, Mark Schröppel, Sandra Siewert, Dasniya Sommer, Renate Stahl, Andreas Stebner, Lukas von der Lühe
Premiere: 29.06.2019
Team:
  • Text: nach Peter Weiss
  • Regie, Bühne, Kostüme: Monster Truck
  • Dramaturgie: Tobias Staab
  • Leiterin der Theatergruppe der Lebenshilfe im Zentrum Neue Wege: Ulrike Schweinitz
  • Produktionsleitung: ehrliche arbeit
Rollenbesetzung:
  • Mit: Daniel Beisbart, Jörg Eiben, Rolf Fey, Manuel Gerst, Alexandra Kamulski, Ralf Kons, Roswitha Kons, Anne Nilson, Sahar Rahimi, Lino Reifferscheidt, Nicole Schnippenkötter, Sabine Schrader, Mark Schröppel, Sandra Siewert, Dasniya Sommer, Renate Stahl, Andreas Stebner, Lukas von der Lühe
Pressestimmen:

Ein Abend, der staunen und frösteln lässt.
WAZ, Sven Westernströer

Der Abend irritiert zunächst, bringt am Ende aber einen anregend-aufklärenden Einblick in eine Welt, die gesunde Menschen meist lieber übersehen.
WDR 5 Scala, Martin Burkert

Wenn die Performerinnen und Performer zu Beginn aus dem Saal heraus auf die Bühne treten und sich dort in einer langen Reihe vor dem noch geschlossenen roten Samtvorhang aufstellen, werfen sie die Blicke auf das Publikum zurück. Sie fordern einen erst einmal dazu heraus, sie über ihr Äußeres, ihre Einschränkungen und Behinderungen, zu definieren. Man wird sich eines Voyeurismus bewusst, der Menschen willkürlich kategorisiert und damit zugleich abstempelt.
nachtkritik.de, Sascha Westphal

Mehr Pressestimmen

Im Zusammenspiel von Performern mit und ohne wahrnehmbares Handicap entstehen berührende Momente. Das ist hier nicht einfach ein Nebeneffekt, sondern integraler Bestandteil einer rundum überzeugenden Inszenierung, die es dem Zuschauer nicht immer leicht macht, aber in jedem Moment sinnliches Vergnügen bereitet.
Stadtspiegel Bochum, Nathalie Memmer