Text
Wir lagen auf der Wiese und baumelten mit der Seele.
Endlich Ruhe! Zeitung weglegen, die ganzen Nachrichten mal draußen lassen. Jetzt ist Me-Time angesagt. Auf grünen Wiesen, an blauen Seen, unter weiß getüpfeltem Himmel liegen und die Seele baumeln lassen. Man kann sich ja nicht ständig das Leid der Welt aufladen; das eigene Leben ist schon anstrengend genug. Wir befinden uns in Mariefred, Schweden. Pärchenurlaub. Sehenswürdigkeit: Schloss Gripsholm. Stimmung: leicht und heiter. Es wird geliebelt, man lässt sich von der Sonne anbraten, Rudern, Schnaps und gute Laune, man hat einen kleinen Dreier, erfrischt Körper und Geist im See. Zwar bricht auch in diese Idylle ab und zu ein Unheil ein – in Form einer sadistischen Heimleiterin –, doch das Pflegekind kann gerettet werden, denn das Gute gewinnt. Das Leben ist schön. Willkommen in Tucholskys Schloss Gripsholm.
Zuhause streicht eine rechtsextreme Partei einen Wahlsieg nach dem anderen ein, das politische Klima wird rauer und härter. Doch Urlaub macht man nicht nur von der Heimat, Urlaub macht man auch von den Problemen. Sommer, Sonne, Köttbullar. Nächstes Jahr – es ist übrigens August 1929 – wird die NSDAP zweitstärkste Kraft im Reichstag werden. Wer die Zeichen lesen will, kann sehen, was kommt.
Zumindest Kurt Tucholsky weiß, was kommt. Als einer der allerersten schreibt er stoisch gegen die Nationalsozialisten an. Er seziert seine politische Umgebung genau und wird zum politischen Barometer der Zeit – zu seiner eigenen Erschütterung leider allzu genau. Mit Schloss Gripsholm schreibt sich Tucholsky noch einmal die Schatten von der Seele, bevor er, enttäuscht von den politischen Entwicklungen, literarisch verstummt und sich wenige Jahre später das Leben nimmt.
Mathias Spaan, Nestroy-Preisträger und zuletzt Hausregisseur an den Bühnen Bern, stellt in seiner Inszenierung die Frage, wie man eine Sommergeschichte schreibt, wenn man den Winter schon kommen sieht. Er verbindet Tucholskys Erzählung mit Briefen, Zeitungsfetzen und heutigen Stimmen zu einem Abend zwischen Urlaubsidylle und politischer Großwetterlage, der fragt, wie viel Leichtigkeit wir uns erlauben dürfen, ohne uns selbst zu verlieren.
Informationen zum Stück
- Der letzte Sommer
- frei nach Kurt Tucholskys Schloss Gripsholm
- Regie: Mathias Spaan
- Ort: Kammerspiele
- Premiere: 07.11.2026
Beteiligte
- Regie: Mathias Spaan
Alle Beteiligten
- Regie: Mathias Spaan