Text
Nicht Hitlers Machwerk, sondern die Farce von Tabori: Warum es gefährlich ist, seine Feinde zu lieben.
Wien, Anfang des 20. Jahrhunderts, in der kältesten Winternacht seit Menschengedenken: In der Blutgasse im 1. Wiener Gemeindebezirk befindet sich unter einer Metzgerei ein Obdachlosenasyl. Hier hausen der fliegende Buchhändler Schlomo Herzl, spezialisiert auf Bibeln und pornografische Unterhaltungsliteratur, und Gott in Gestalt des arbeitslosen koscheren Kochs Lobkowitz. Wenn Herzl nicht durch die Stadt zieht, um Bücher zu verkaufen, oder sich mit Gretchen trifft, der letzten Jungfrau über 14 in Wien, schreibt er seine Memoiren. Die Arbeit will nicht so recht vorangehen, aber immerhin gibt es schon einen erfolgsversprechenden Titel: Mein Kampf.
Da tritt ein ärmlich gekleideter Fremder aus der Provinz ein, der die Aufnahmeprüfung für ein Studium der Malerei an der Akademie der schönen Künste ablegen will. Hitler. Schon in jungen Jahren glühender Antisemit, ungehobelt, mit Hang zu ermüdend langen Reden und einer zweifelhaften Neigung zu Stillleben und Architekturstudien. Herzl nimmt ihn mütterlich-sorgend auf und hilft mit dem Nötigsten: Er kocht Kaffee, leiht ihm seinen Mantel und stutzt den wilden Schnäuzer auf ein kleines Bärtchen unter der Nase zurecht. Und als Hitler, nachdem er aufgrund hoffnungsloser künstlerischer Unfähigkeit abgelehnt wird, behauptet, er wolle überhaupt kein Maler werden, er wolle etwas anderes, nämlich die Welt, und zwar die ganze, rät ihm Herzl, in die Politik zu gehen.
George Taboris Stück zeigt, wie Hitler zu Hitler wird – zu einem Zeitpunkt, als dieser ein Niemand ist, seinen Weg sucht und eine Begegnung mit einem Juden macht, die man versucht sein kann, Freundschaft zu nennen. Mit bitterbösem Witz verhandelt die Farce die Verdienste Herzls um Hitlers Entwicklung und damit das Gebot, die eigenen Feinde zu lieben. Für Tabori, der selbst jüdische Wurzeln hatte, ein Lebensthema. Johan Simons inszeniert mit Mein Kampf das bekannteste Stück des großen Theatermachers, Autors und Regisseurs. Nicht zufällig heute.
Informationen zum Stück
- Mein Kampf
- von George Tabori
- übersetzt von Ursula Grützmacher-Tabori
- Regie: Johan Simons
- Ort: Schauspielhaus
- Premiere: 19.12.2026
Beteiligte
- Regie: Johan Simons
Alle Beteiligten
- Regie: Johan Simons
Pressestimmen
Kooperationen
Kooperationen