Die Szene ist ein Schlachtfeld. Und die zwei Hauptfiguren sind zugleich Krieger und Liebende: Penthesilea und Achilles. Nur als Kriegsbeute kann die stolze Amazone den griechischen Heerführer als Mann gewinnen. Doch ihr Rausch endet tödlich. Für beide: „Küsse, Bisse, das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, kann schon das Eine für das Andre greifen.“ Die Neuinszenierung von Johan Simons in einer Textfassung von Vasco Boenisch fokussiert den Kern des berühmten Dramas von Heinrich von Kleist auf nur diese zwei Akteure: Penthesilea und Achilles. Duell und Duett.

Die Inszenierung mit Sandra Hüller und Jens Harzer, die als Koproduktion bei den Salzburger Festspielen im Juli 2018 Premiere hatte, wurde von Publikum und Kritiker*innen begeistert aufgenommen. Einen „großen Wurf“ nennt sie die FAZ; „modern wie zeitlos“, urteilt der Deutschlandfunk; eine „flirrende Komposition“ sah die Süddeutsche Zeitung, „radikales Körpertheater“ der österreichische Standard, und Die Welt schrieb: „So schlicht wie grandios“.

Warum nur zwei Personen?

Johan Simons: Eigentlich gibt es in Penthesilea natürlich viel mehr Personal. Ein Heer von Amazonen und ein Heer von Griechen. Wir konzentrieren uns auf die zwei Menschen in der Mitte, weil die Geschichte dadurch viel persönlicher und auch viel allgemeingültiger wird. Es ist ein ewiger Kampf. Ein Kampf der Geschlechter. Und die Worte sind ihre Waffen. Das ist auch sehr modern. Es geht in diesem Stück um Missverständnisse. Aber: Es geht auch um ein Missverhältnis zwischen Mann und Frau. Ich kann jedenfalls sehr gut verstehen, warum Penthesilea so hart gegen Achilles reagiert. Und wenn man mich fragt: Lieben und Töten, wie geht das zusammen? Dann sage ich: Das geht zusammen, doch, das geht.

Wer zeichnet die Schauspieler*innen aus?

Johan Simons: Sandra Hüller, die inzwischen ein internationaler Filmstar geworden ist, aber mit der ich seit mehr als zehn Jahren zusammenarbeite, ist für mich die Idealbesetzung für Penthesilea. Weil sie schön und hässlich zugleich sein kann, nicht äußerlich, sondern aus tiefster Seele. Und dabei völlig unprätentiös. Und Achilles wird gespielt von Jens Harzer, auch ein großartiger Schauspieler, der die Sprache ganz durchdringt, denkend und spielend.

Was bedeutet dir Kleist?

Johan Simons: Es ist meine zweite Inszenierung eines Stücks von Heinrich von Kleist. Mir als Niederländer fällt auf, dass Kleist vier Sätze benötigt, wo ein Schriftsteller heute tausend Sätze brauchen würde. Das soll kein Urteil über Qualität sein, aber es sagt viel aus über die Geschwindigkeit der Zeit, in der wir leben.

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  • Koproduktion mit den Salzburger Festspielen
  • Text: Heinrich von Kleist
  • Regie: Johan Simons
  • #Schauspiel
  • Schauspielhaus
Sa, 10.11.
19:30 - 21:30
Premiere
Wenige Karten
So, 11.11.
17:00 - 19:00
Wenige Karten
So, 18.11.
19:30 - 21:30
+ 18:45 Einführung im Foyer Schauspielhaus
Wenige Karten
Team:
Rollenbesetzung:
Pressestimmen:

Als „Schrei nach Liebe und Schrei gegen den Krieg“ hat Simons vorab Kleists Trauerspiel bezeichnet, und tatsächlich lässt der Regisseur dem Krieg keinen Raum auf der Bühne. Vielmehr verlagert er ihn ganz in den heißen Kern des Geschehens, nämlich den Kampf der Geschlechter, den die Star-Schauspieler Sandra Hüller und Jens Harzer höchst virtuos in den unterschiedlichsten Tonlagen, Befindlichkeiten und (Geschlechter-)Identitäten ausfechten.
taz, Regine Müller

Johan Simons gelingt mit Kleists Penthesilea ein großer Wurf.
FAZ, Simon Strauß

Das Ungeheuerliche hier wird auf der schwarzen, nackten, nur von einem Neonbalken an der Rampe beleuchteten Bühne wie nebenbei Ereignis, aus der Sprache geboren, aber nicht zelebriert. Ein Duo im gänzlich heutigen Tonfall hört man, mal selbst dialogisierend, mal Handlung referierend, in lockeren Posen dahingegossen, flirtend, sich im Tode umarmend der Kleist‘schen Sprachmelodie nach – ohne sie als Arie zu singen. Um nach dem heillosen Ende einfach auszusteigen. So schlicht wie grandios.
Die Welt, Manuel Brug

Mehr Pressestimmen

Wer wem unterliegt, ist hier also nicht die Frage. Der Inszenierung geht es um etwas anderes: Sie möchte mit Kleist zeigen, wie weit man kommt, wenn man vom Unsagbaren sprechen will. Und sie kommt dabei weiter als viele andere Penthesilea-Produktionen.
Das TheaterMagazin, Wolfgang Kralicek

Erstaunlich, wie gut das Text-Einkochen, die Reduktion auf zwei Personen funktioniert. Erfreulich, wie viel Text (und nur Originaltext) stehen bleibt. Und geradezu verblüffend, wie differenziert und analytisch Kleists Blick auf dieses Paar ausfällt. In dem Stück in Vollform verstellt das viele Schlachtenbrimborium eben diese Lebensnähe.
nachtkritik.de, Reinhard Kriechbaum

Das Ereignis dieser Aufführung ist der Text und Simons‘ Umgang damit. Vasco Boenisch hat ein intellektuelles Vexierspiel erdacht, das überhaupt nicht intellektuell wirkt.
Süddeutsche Zeitung, Egbert Tholl

Die Nebenrollen tragen Penthesilea und Achilles wie widersprechende Stimmen inkorporiert, was Spannung generiert und das Reflexionsmaterial neu schichtet. Dabei gehen Performance und Schauspielertheater eine sehr schöne Hochzeit ein! Simons' Idee ist es, die Konzepte von Männlichkeit und Weiblichkeit zu lockern. Das hat natürlich viel mit körperlicher Präsenz zu tun. Penthesilea wird zum Achilles als Frau, Achilles zur Penthesilea als Mann. Der Gedanke ist nicht neu, aber er hat Bestand, und er ist in seiner konkreten Umsetzung bemerkenswert, weil Simons keinerlei Weiblichkeits- oder Männlichkeitsklischees bemühen muss. Sandra Hüller und Jens Harzer bewegen sich so seltsam fremd, so unkonnotiert menschlich, dass man tatsächlich an sie als mythologische Figuren glaubt.
Der Standard, Margarete Affenzeller

Jens Harzer, ein Spezialist für markante Außenseiter, und Sandra Hüller, auf ihre Weise anders radikal, sind die Endgegner dieses Beziehungs-Dramas. Zwei Körper, eine Choreografie aus Müssen und Sehnen. Ein kräfteverbrennender Schaukampf zweier Kannibalen, die sich füreinander verzehren, inei­nander verhaken, voneinander losreißen und wieder aufeinander losgehen. Szenen keiner Ehe.
Berliner Morgenpost, Joachim Mischke

Das ist die große Überraschung dieses Abends: Dass hier zwei Schauspieler nicht nur neben-, sondern sogar gegeneinander spielen, jeder seine ganz eigene, eigentlich ausschließliche Art der Ausdrucksform hat und dass sich aus diesem Gegensatz doch eine gemeinsame Energie entwickelt. Kleist Leitmotiv der Zerrissenheit wird dadurch unaufhörlich in Szene gesetzt.
FAZ, Simon Strauß

Sie folgt ihm, fordert ihn, neckt ihn, er fasst ihr auch mal grob ins Haar. Kleists Text wird dabei wie mit entkleidet, in Vasco Boenischs kluger Fassung, die der Sprache einen Körper gibt. Love-Talk aus dem 18. Jahrhundert, nur knapp verhüllte Leidenschaft. Ja, hier wird mit Worten auch Liebe gemacht. Klarheit ist ein schönes Ergebnis dieser Inszenierung: Was in Kleists Text umständlich zerredet wird, als Botschaft überbracht oder als Erzählung Dritter interpretiert wird, gewinnt unglaubliche Präsenz. Und etwas fast Zeitgenössisches: Sandra Hüller und Jens Harzer sind ein Paar im Testlauf einer Beziehung, die ungefähr so kompliziert ist wie die unter gleichberechtigten Partnern im 21. Jahrhundert.
Deutschlandfunk, Karin Fischer

Simons scheint Kleist besser zu kennen als dieser sich selber. Aus dem Wortgebirge, das sich leichter verfilmen als sprechen lässt, formt er ein Liebesdrama, dessen Akteure von einer tödlichen Verklammerung zur anderen taumeln.
Die Presse, Barbara Petsch

Johan Simons hat diesen Kampf der Geschlechter und der Gefühle ungemein spannend in Szene gesetzt, während die beiden Bühnenstars Hüller und Harzer wie traumverloren und trotzdem voll Emphase und Ekstase dieser Tragödie schier ungebremste Vitalität einhauchten. Dies ist ebenso wundervoll, wie sie Kleists brillante Verse skandierten. Ein Theatererlebnis.
Donaukurier, Hannes S. Macher

Simons’ Figuren sind keine Mauerschauer, sondern Menschenmauerndurchschauer – sie klopfen die Rüstung ab, die der jeweils andere um seine Seele gelegt hat.
Die ZEIT, Peter Kümmel

Klar, Achilles ist ein großer Krieger, der Bezwinger Hektors und, so steht es bei Kleist, ein von sich überzeugter Frauenheld. Doch Jens Harzer gibt ihm einige weiche Noten, tänzelt Arme wedelnd herum, macht die Bemühungen des Verliebten, sich in die Geliebte einzufühlen, eindringlich spürbar. Als Penthesilea ist Sandra Hüller eine burschikose Amazone, kein hartes Mannsweib, sondern eine selbstbewusste, verspielte Frau, die aus der Tradition ihres Volkes heraus einen Kämpfer bezwingen muss, um diesen als Mann nehmen zu können.
Abendzeitung München, Michael Stadler

Beide haben Kleists Sprache verinnerlicht und bringen als Schauspieler jede Geste, jeden Blick und jedes Wort auf den Punkt. Alleine der Sprache zu folgen ist ein nahezu musikalischer Genuss, vollendet durch zwei ganz Große ihres Faches.
Volksblatt, Eva Hammer

Selten sah man diese Amazone und den Achill so zärtlich sich auslöschend, so ebenbürtig im Untergang: Sie erschöpfen sich im schwarzen Raum, den ein Lichtstreif vergeblich erhellen will, mit ihren Worten, winden sich aus den Umklammerungen der zerstörerischen Sätze, schmettern wie zwei Donnerkeile aufeinander und schänden sich gegenseitig noch, wenn sie sich wie verzahnt in den Armen liegen.
Neue Züricher Zeitung, Bernd Noack

Simons’ Leistung und die der präzise, konzentriert agierenden Schauspieler: unsere Gesellschaft und ihre Liebesunfähigkeit auf die Bühne zu bringen. Hüllers Penthesilea hat die Ehre ihres Geschlechts gerettet, am Ende steht trotzdem der Tod. Harzer und Hüller vor allem, die sich Kleisttext höchst musikalisch aneignet, haben den Applaus im Stehen verdient.
Stuttgarter Zeitung, Nicole Golombek