Den Karton mit 20 kg Tofu öffnen. Die Dreikilobeutel auf die Arbeitsfläche legen. Mit dem Cutter öffnen. Den Tofu senkrecht auf ein waagerechtes Stahlsieb packen. Brackwasser abtropfen lassen. Von vorne beginnen. Neun Stunden lang. Joseph Ponthus verwischt in seinem Versroman gekonnt die Grenzen zwischen Autor, Erzähler und fiktiver Figur. So steht Ponthus selbst am Band und schaufelt sich am nächsten Tag durch 40 Tonnen gefrorener Garnelen. Er schiebt Schicht um Schicht um Schicht, entfernt kleinste Fleischreste aus den feinen Zahnrädern gewaltiger, hämmernder Fleischmaschinen. Die gleichförmige Wiederholung der brutalen Einfachheit. Die Fabrik. Ein Handschlag gleicht dem nächsten.

Für zweieinhalb Jahre geht Joseph Ponthus an das Fließband. Verpackt Fertiggerichte. Sortiert Fische. Reinigt nachts die Schweine-Zerlege-Halle vom Blut und Fett der geschlachteten Tiere. Allerdings tut er das als ein idealisierender Tourist, der überzeugt davon ist, die Fabrik verlassen zu können, wenn es an der Zeit ist. Denn Ponthus bleibt in einer privilegierten Distanz, aus der er – manchmal verklärt, manchmal verherrlichend, aber immer solidarisch – auf einen Ort blickt, der die Menschen kompromisslos verschleißt, die das Fabrik-Band am Laufen halten. Um den extremen Bedingungen standzuhalten, orientiert sich der ehemalige Sozialarbeiter an seinen literarischen Vorbildern, bildet sich mit romantischen Reflexionen einen Weg durch den brutalen Fließbandalltag. Anschließend berichtet er beinahe zärtlich und mit viel Humor von seiner Zeit in den Fabriken und von „seinen“ Arbeitern. So versucht der Erzähler nicht nur sich, sondern auch den zahllosen und unsichtbaren Menschen, die nicht den Luxus haben, nur auf Zeit in der modernen Sklaverei der Lebensmittelindustrie zu arbeiten, eine Sprache zu verleihen. Und er verbindet dadurch die Stimme des Arbeiters mit der des Intellektuellen.

In seinem 2019 erschienenen autofiktionalen Text Am laufenden Band – der zugleich Manifest, Gedicht, Roman und Aufschrei ist – verhandelt der französische Autor Joseph Ponthus überraschend positiv den Teil der Arbeit, derer Nutznießer wir alle sind, die sich aber im toten Winkel der Gesellschaft befindet. An den Rändern unseres Kapitalismus stehen die Fabriken der Massenproduktion, die die Länder mit grammgenau verpackten Prinzessbohnen und vorgeschälten Gambas versorgt. Doch auf wessen Schultern lastet der als selbstverständlich genommene Luxus?

Regisseur Tom Schneider, der in Bochum bereits Bilder deiner großen Liebe und Die Hydra inszenierte, macht sich anhand des preisgekrönten Romans auf eine theatral-musikalische Spurensuche in die Schattenbereiche unserer Arbeitswelt – und nach dem, was davon übrigbleiben wird.

Weiterführende Infos:

Das Band hält nicht an. Aufzeichnungen aus dem Schlachthof Bochum


Der Roman Am laufenden Band. Aufzeichnungen aus der Fabrik von Joseph Ponthus ist in deutscher Übersetzung von Mira Lina Simon und Claudia Hamm im Verlag Matthes & Seitz Berlin erschienen. Alle Rechte liegen beim Verlag.
 

Mehr Weniger
Audioeinführung
Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte von player.podigee-cdn.net angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Schauspielhaus Bochum hat darauf keinen Einfluss. Näheres dazu lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Das Band hält nicht an – Erfahrungsbericht aus dem Schlachthof
Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte von player.podigee-cdn.net angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Schauspielhaus Bochum hat darauf keinen Einfluss. Näheres dazu lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung.
  • Ort: Kammerspiele
  • Dauer: 1:30, keine Pause
  • Uraufführung/Premiere: 24.03.2023
  • Sprache: DE
Video: Siegersbusch Film
Alle Beteiligten
Pressestimmen

Ein eindringlicher, intensiver Theaterabend zwischen Sozialdrama und Tragikomödie, für den es donnernden Beifall gibt.
Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Sven Westernströer

Ästhetisch ist der Abend sehr sehr interessant, weil Regisseur Tom Schneider zwischenzeitlich eine Art Maschinenballett daraus macht. Die Maschinen auf der Bühne verselbstständigen sich, die Scheinwerfer beginnen im Takt der Maschinen zu tanzen – das bekommt eine ganz schräge Komik.
WDR 5 Scala, Stefan Keim

Wut, Erschöpfung, Ohnmacht. In Bochum wird daraus eine Dramaturgie, die dem gnadenlosen Automatismus mit menschlichen Ausweichmanövern begegnet.
Westfälischer Anzeiger, Achim Lettmann

Kooperationen