Der Regisseur Robert Gerloff, Jahrgang 1982, ist bekannt für seine energiegeladenen und fantasiereichen Inszenierungen. Er arbeitete bisher u. a. am Düsseldorfer Schauspielhaus, in Oldenburg, Basel, am Volkstheater Wien, Theater Neumarkt in Zürich und dem Schauspiel Frankfurt. Nach Mitwirkung beim Bochumer Rumpel Pumpel Theater in der Saison 2017/2018 inszeniert er nun erstmals ein abendfüllendes Stück am Schauspielhaus.

[Wir erreichen ihn am Telefon zwischen seinen Proben.]

Robert, du hast erst Politikwissenschaften studiert, bist dann aber zu Theaterwissenschaften gewechselt. Ich weiß, dass Jürgen Goschs Macbeth-Inszenierung für dich eine Initialzündung war. Aber wie kam es dann eigentlich, dass du beim Theater gelandet bist?

Robert Gerloff: Nach dem Studium habe ich bei dem Regisseur Rafael Sanchez eine Regiehospitanz in Düsseldorf gemacht. Beim Bergfest der Produktion – also der Feier der Halbzeit – gab es Käsefondue, und nach dem Fest fiel der eigentliche Regieassistent in den Rhein, wurde krank und bekam eine Lungenentzündung. Ich bin kurzerhand zum Assistenten aufgestiegen und wurde nach der Produktion gefragt, ob ich nicht eine feste Stelle annehmen möchte. Im Grunde bin ich also durch ein Käsefondue beim Theater geblieben. Ich bin Jahre später ans Neumarkt Theater in Zürich gegangen, das damals Rafael Sanchez mit Barbara Weber leitete. Es gab etwa 50 Angestellte, acht Schauspieler*innen, eine richtige Theaterfamilie. Alles ging alle an. Das hat mich sehr geprägt und ist seither mein Anspruch, auch an große Theater: Jede*r, die*der dort arbeitet, soll für das Theater (ein-)stehen und beteiligt sein, auch emotional beteiligt sein, am Erfolg und am Scheitern auch, vom Pförtner über den Schlosser bis zur Putzkraft.

Deine Inszenierungen sind sehr unterschiedlich in ihrer Ästhetik, aber es gibt einen roten Faden, der sich durch sie zieht: Sie alle sind komisch grundiert. Immer arbeitest du mit Fehlleistungen, immer verrutscht etwas, auf leichtfüßige, poetische Weise, nie läuft es glatt. Ich erkenne in deiner Arbeit ein mir so einleuchtendes Misstrauen gegenüber der vermeintlichen Ungebrechlichkeit der Welt.

Du hast schon Recht, alles was ich anfasse, wird komisch. Nicht lächerlich, das ist ein großer Unterschied, aber komisch. Ich bin im Rheinland aufgewachsen, meine Mutter ist eine rheinische Frohnatur. Im Grunde haben wir zuhause immer gelernt, alles mit Humor zu ver- und behandeln, ohne jedes Tabu: Tod, Krankheit, Geldsorgen, Psychosen. Es darf über alles gelacht werden, auch wenn es zum Weinen ist. Das macht die Probleme nicht kleiner, aber es hilft, die Perspektive zu wechseln. Und das ist im Kern das Komische für mich: diese leichte Verrückung der Perspektive, woraus das Unerwartbare entsteht. Eine Figur macht auf der Bühne etwas, was ein bisschen „off“ ist, überraschend, etwas, was eigentlich nicht geht, was dreist ist, undenkbar. Die ständige Überraschung ist ein großer Motor des Humorapparats, mit dem ich arbeite. Ich schöpfe aus den Dingen im Alltag, der ja eh am lustigsten und ungeplantesten ist, aus Dingen, die ich an mir selbst oder den Menschen um mich herum beobachte und die ich dann leicht verschoben auf die Bühne setze. Ich setze eine Figur in einen Erwartungshorizont, den sie nicht erfüllt, sondern unterläuft und dabei dann doch wieder erfüllt, nur anders, fantasievoll, überraschend. Der Tod jeder Komik – und überhaupt des Theaters: das Erwartbare. Nichts ist schlimmer, als wenn der Vorhang aufgeht, man den ersten Satz hört und genau weiß, wie der letzte Satz sein wird. Eine Begegnung, die mich sehr beeinflusst hat, war die mit dem italienischen Regisseur Pippo Delbono in München. Ich weiß noch, wie er bei der Konzeptionsprobe sagte: „Oh, you Germans always ask: why why why. – I tell you why: we do it, because it is beautiful.“ Ich glaube, darum geht es letztendlich: um Schönheit. Das ist das Ziel.

Du inszenierst jetzt seit mehr als zehn Jahren – schon mal ans Aufhören gedacht?

Johan Simons hat mir neulich gesagt, man habe als Regisseur nur etwa 10.000 Ideen im Leben, da habe ich ein bisschen Angst bekommen, ich habe ja schon etwa 8.000 verbraucht. Quentin Tarantino kann nur zehn Filme machen, und ich habe nur 10.000 Ideen. Vielleicht reichen die also noch zehn Jahre, wenn ich gut kalkuliere. Und dann kommt mein heimlicher Plan B: ein geregeltes Leben. Ich übernehme in Hamburg eine schön gelegene, ganzjährig geöffnete Open-Air-Minigolfbahn, die ein Anlaufpunkt für Menschen ist, um sich auszutauschen. Keine Hipsterbahn, sondern was ganz Normales, es gibt okayen Kaffee, okayen Weißwein und Bockwürste, man kann von dem erzählen, was man so macht oder was einen so umtreibt, und ich gebe Tipps, wie man Bahn 17 spielt.

[Plötzlich Vogelkrächzen.]

Oh Gott. Oh Gott. Jetzt werde ich von Krähen attackiert. Oh Gott.

Robert?

Ist ja wie bei Hitchcock. Ich werde wirklich von Krähen angegriffen. Vielleicht saß ich auf ihrer Bank.

[Man hört immer schneller werdende Schritte und panischen Atem.]

Robert? Hallo? Findest du das komisch?

[In der Ferne läutet eine Kirchenglocke. Dann ist die Leitung tot.]


[Am anderen Ende der Leitung saß Angela Obst.]
 

Mehr Weniger
Fr.02.12.
Premiere
  • Sherlock Holmes jagt Dr. Watson (AT)
  • nach den Erzählungen von Arthur Conan Doyle
  • Regie: Robert Gerloff
  • Premiere: 02.12.2022
Team: