Im Paris der 1980er-Jahre genießt der junge Schriftsteller Hervé Guibert ein ausgelassenes Leben voller Freiheit, Lust und Liebe. Doch eines Tages tauchen bei seinem jugendlichen Lover seltsame Hautflecken auf. Langsam wird klar, dass sie Anzeichen einer unbekannten Krankheit sind, die sich schnell ausbreitet und letztlich auch Hervé bedroht. Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat erzählt von den Anfängen der Aids-Pandemie. Guibert beschreibt in seinem autobiografisch geprägten Roman die Bedrohung durch ein tödliches Virus und wie sich Angst, Hoffnung und Stigmatisierung auf Freundschaften und Beziehungen auswirken. Und welche Rolle die Pharmaindustrie in diesem Kampf ums Leben spielt. – Die Theaterinszenierung folgt den verschiedenen künstlerischen Spuren des Autors und Fotografen Hervé Guibert, der uns eindrücklich zeigt, was es heißt, in Zeiten von Krankheit sich und andere zu lieben.

Guiberts Geschichte nur als eine über Aids zu sehen, wäre ein Missverständnis. Vielmehr erzählt er von Liebe und Verrat, Berührungen, Freundschaft und Macht. Er schreibt von Personen, deren Leben auf verschiedene Art durch HIV verändert wurde: von seinem aidskranken Geliebten Jules, vom 1984 offiziell an Krebs gestorbenen Muzil (hinter dem sich Michel Foucault verbirgt) und von Bill, dem im Titel genannten Freund und Pharma-Manager, der ihm das Leben nicht gerettet hat. Immer wieder klammert sich Guibert an das Versprechen auf Heilung und stürzt von Hoffnung in Verzweiflung und wieder zurück.

Der Schriftsteller Guibert, 1955 in Paris geboren und dort 1991 verstorben – also in einer Zeit, als das Virus nach Europa kam und man(n) als Homosexueller schnell ausgestoßen wurde –, war auch Fotograf. Seine Bilder von Gegenständen, Zimmern und seine Selbstporträts spiegeln den Wunsch, das Leben festzuhalten und würdevoll zu gestalten. Zurzeit werden er und sein Werk in der bildenden Kunst und im Diskurs über den Umgang mit HIV wiederentdeckt. Sein Roman Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat und seine Fotografien erzählen nicht zuletzt davon, was es bedeutet, sich der Welt zuzumuten: in Schönheit, Selbstachtung, Sterblichkeit.

Regie führt Florian Fischer, der in Bochum bereits die Aufführung Geister und das Hörstück Unsichtbar inszenierte; 2019 wurde er mit dem Kurt-Hübner-Regiepreis ausgezeichnet.

Regisseur Florian Fischer im Gespräch
Intimität in Zeiten von Krankheit

Jetzt hören: Original Soundtrack
► Paris Bathouse von Romain Frequency auf Soundcloud

Hinweis: In der Inszenierung gibt es Szenen mit expliziter Nacktheit.

Mehr Weniger
Sa.25.02.
19:30 — 21:40
+ Einführung 19:00
  • CBplayer 1.2.4
00:00 / 00:00
Trailer: Siegersbusch Film
  • Premiere: 17.11.2022
Team:
Rollenbesetzung:
Pressestimmen:

Die Aufführung lässt uns teilhaben am Entwurf der Fragmente einer Sprache der Liebe und an Guiberts Versuch, ihr ABC zu erfassen zum Zwecke der Selbstanalyse, Dokumentation – und Literarisierung. Fischers offener Erzählform scheint es wesentlicher, Körper statt Sprechakte zu inszenieren; sie ist eher essayistisch, verspielt beiläufig und peripher, nicht dramatisch, sondern installativ. Hervés Wohnung und Krankenzimmer mit Möbel-Modulen gleicht einem Raumlabor, durch das elektronische Klangwellen ziehen. So vollzieht sich die Operation am offenen Herzen, die das Buch sezierend unternimmt, in Bochum als ambulanter Eingriff. Der aber tut nicht weniger weh.
nachtkritik.de, Andreas Wilink

Zu sehen ist eine feinfühlig inszenierte Aufführung über Liebe und Leidenschaft in Zeiten einer todbringenden Krankheit, der drohende moralische Zeigefinger in unsere Pandemie-Tage wird größtenteils vermieden. Ein bewegender Abend.
Westdeutsche Allgemeine Zeitung, Sven Westernströer

Das große Sterben ist vorbei und die vielen Aidstoten sind somit fast völlig in Vergessenheit geraten. Umso bemerkenswerter ist es, dass nun der autobiographische Roman „Dem Freund, der mir das Leben nicht gerettet hat“ des mit 36 Jahren an Aids gestorbenen französischen Schriftstellers und Fotografen Hervé Guibert nach 32 Jahren seines Erscheinens in den Bochumer Kammerspielen seine Uraufführung feiern darf. Ein fein abgestimmtes, einfühlsames Inszenierungsteam hat das vollbracht.
Schwulissimo, Ludger Tabeling

Mehr Pressestimmen

Florian Fischer nimmt uns in seinem Stück mit auf eine Zeitreise in die 80er Jahre, in denen es noch kaum erprobte Medikamente gegen HIV gab, zeigt uns die absurde Bürokratie bei der Vergabe von Studienteilnehmerplätzen und findet in Guiberts Werk immer wieder poetische Momente, um diese Chronologie des Sterbens zu bebildern und damit „eine unliebsame Wahrheit zu bezeugen.
FRESH-Magazin, Frank Brenner

Durch Schauspiel, Schrift, Lichttechnik, den reproduzierten Fotos und nicht zuletzt der akustischen Begleitung erzeugt die Inszenierung eine ergreifende Stimmung. Sie fesselt die Aufmerksamkeit des Publikums und hält eine emotionale Spannung aufrecht, die erst erst am Ende der zweistündigen Aufführung von den Zuschauer:innen ablässt. Es bleiben atemberaubende Eindrücke eines jungen Künstlers, dessen kreative und ekstatische Lebendigkeit mit einem tödlichen Virus kollidiert. Diesen Prozess setzt Florian Fischer eindrucksvoll in Szene.
STROBO-Magazin, Jan Bednorz

Ein hauchzarter, berührender und auch immer noch mutiger Abend, der auch mit der skandalösen Verunglimpfung Aids-Kranker in Deutschland abrechnet und nur vorsichtige, zum Glück nicht plakative Verbindungslinien zur Corona-Pandemie unserer Tage zieht.
halloherne.de, Pitt Herrmann