"Wo hört man aber jetzt von einem, der / Mühseliger war im Wechsel des Lebens / In Arbeit wohnend, in Qualen wild. / Jo! Der berühmte Ödipus."

Die Geschichte ist notorisch und schnell erzählt. Dem Laios, Vater des Ödipus’, wird vom Orakel vorhergesagt, dass sein erstgeborener Sohn ihn erschlagen und seine Mutter heiraten werde. Daraufhin gibt er Ödipus nach dessen Geburt zum Sterben fort, der wird aber gerettet, wächst bei Zieheltern auf, hört später, dass dies nicht seine wirklichen Eltern seien, macht sich auf, das Orakel zu befragen, versteht aber die Weissagung nicht, erschlägt auf dem Rückweg seinen Vater Laios als Unbekannten, zieht in Theben ein, löst dort das Rätsel der Sphinx, wird Herrscher und heiratet Iokaste, seine Mutter.

Das alles ist schon geschehen, wenn die Tragödie einsetzt, sie beschäftigt sich damit, diesen Inzest aufzuklären, ans Tageslicht zu holen, und endet damit, dass Iokaste sich das Leben nimmt und Ödipus sich die Augen aussticht und Theben verlässt. Das Inzestverbot ist ein vieldiskutierter Topos, eine moralische Forderung, die politisch durchgesetzt wurde. Dem Beispiel des Ödipus begegnet man in der Grundlegung der Psychoanalyse von Sigmund Freud an prominenter Stelle, und heute kann man sich fragen, ob dieses Verbot tatsächlich noch irgendeinen Sinn hat.

Was also wäre, wenn Iokaste – die in der 429 v. Chr. geschriebenen Tragödie von Sophokles erst sehr spät zu Wort kommt und immer wieder sagt: "Wer sprach? Von welchem? Kehr dich nicht daran. / Und was man sagt, bedenke nicht zu viel es." - was also wäre, wenn sie "wüsste" und sich freuen würde, ihren geliebten und vermissten Sohn als Mann wieder in die Arme schließen zu können, diesmal nicht als Mutter, sondern als Frau?

Das öffentlich zu behaupten, war 429 v. Chr. wahrscheinlich genauso unmöglich, wie es das heute wäre, aber es ist eine Spur, die "aufs Spiel zu setzen" sich lohnt und die vielleicht – bei gleichem Ausgang – eine neue Deutung möglich macht.

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  • Ödipus, Tyrann
  • von Sophokles
    Übersetzung von Heiner Müller nach Hölderlin
  • Regie: Johan Simons
  • Premiere: Januar 2021
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